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Thorsten Radermacher im Juli 1998
Abteilungsberricht: "Das lokale Anzeigengeschäft in der Stadtanzeigenleitung"
Das lokale Anzeigengeschäft der Zeitungsverlage
Das Anzeigengeschäft hat für die Zeitungsverlage eine vorrangige
Bedeutung, da durch die Veröffentlichung von Anzeigen und das Beilagengeschäft
die Hauptumsatzerlöse erzielt werden. Darüber hinaus entfallen
im Vergleich zum Vertrieb relativ geringe Kosten auf die Anzeigenabteilungen.
In diesem Zusammenhang muß man sich vor Augen führen, daß
regionale Abonnementszeitungen nur in sehr geringem Maße von der
Markenartikelwerbung profitieren, wie wir sie beispielsweise aus dem Fernsehen
kennen. Ein Großteil der Anzeigenerlöse wird hier durch die
Veröffentlichung lokaler Geschäftsanzeigen erzielt.

Da bei der Tageszeitung die Aktualität im Vordergrund steht, ist
auch die darin enthaltene Werbung meist informativ, aktuell und argumentativ.
Bei den lokalen Geschäftsanzeigen geht es nicht darum, ein Image
zu transportieren, sondern den Leser über Angebote zu informieren.
Sie dienen Einzelhändlern sowie Geschäftsketten als Erweiterung
ihres Schaufensters. Schlüsselworte sind "Preis", "Sonderangebot",
"Ausverkauf".
Da die lokalen Geschäftsanzeigen mit etwa 36 % den größten
Teil zu den Anzeigenerlösen der regionalen Abonnementszeitungen beisteuern,
ist es wichtig, sich besonders intensiv um diesen Kundenstamm zu kümmern.
Diese Aufgabe übernehmen innerhalb der Zeitungsgruppe WAZ die Anzeigenabteilungen
in den Geschäftsstellen.
Eingliederung der Anzeigenabteilungen in das Unternehmen
Ähnlich wie im Vertrieb hat die Zeitungsgruppe WAZ auch für
den Anzeigenbereich einen Außendienst in den Geschäftsstellen
eingerichtet. Rechtlich gesehen sind diese lokalen Anzeigenleitungen in
die WAZ Anzeigen- und Werbeberatung GmbH & Co. KG (AWG) eingegliedert.
Das Verbreitungsgebiet der Zeitungsgruppe WAZ wurde in sechs Anzeigenverkaufsleitungen
(AVL) aufgeteilt, die für die jeweils in ihrem Gebiet tätigen
Stadtanzeigenleitungen die Führungsverantwortung tragen. Die Anzeigenverkaufsleitungen
sind ihrerseits der Geschäftsführung der AWG untergeordnet.
Der Kundenstamm eines Geschäftsstellenbereiches wird nach räumlichen
Kriterien unter den Anzeigenberatern aufgeteilt, wobei von Seiten der
Anzeigenleitung darauf geachtet wird, daß die lukrativen Gebiete
gerecht verteilt werden. Außerdem wird großer Wert darauf
gelegt, daß den Beratern neben der intensiven Betreuung ihres Kundenstamms
noch genügend Zeit zur Neukundenwerbung bleibt.
Der Anzeigenverkauf
Dem direkten Kontakt zum Kunden kommt im Anzeigengeschäft eine wichtige
Bedeutung zu. Anders als im Bereich privater Kleinanzeigen treten die
Auftraggeber von Geschäftsanzeigen häufig nicht aus eigener
Initiative an die Verlage heran. Hier ist teilweise eine intensive Überzeugungsarbeit
durch die Anzeigenberater nötig. Sie müssen nicht nur gute Verkäufer
sein, sondern benötigen darüber hinaus weitgehende Detailkenntnisse
im technischen und gestalterischen Bereich. Die Anzeigenberater sind mit
den Problemen des lokalen Einzelhändlers vertraut und können
maßgeschneiderte Lösungsmöglichkeiten anbieten. Neben
einem festgeschriebenen Gehalt, werden sie an jedem getätigten Anzeigenabschluß
in Form einer Provision beteiligt. Die Höhe ihres Einkommens ist
somit stark erfolgsabhängig.
Im Gegensatz zu den großen Supermärkten und Kaufhäusern,
deren Prospekte man regelmäßig in den Tageszeitungen finden
kann, sind sich die lokalen Einzelhändler teilweise nicht über
die Notwendigkeit bewußt, ihre Kunden durch Werbung auf ihr Angebot
aufmerksam zu machen und reagieren den Anzeigenberatern gegenüber
mit Skepsis. Diese haben eine schwierige Aufgabe, die Einzelhändler
davon zu überzeugen, in Zeiten sinkender Umsätze ihr Geschäft
durch Zeitungswerbung zu forcieren. Darüber hinaus haben sich die
lokalen Anzeigenblätter als starker Konkurrent für die regionalen
Tageszeitungen erwiesen. Kostenlos werden diese Titel an alle Haushalte
verteilt. Das Image vom Anzeigenfriedhof legen diese Blätter mittlerweile
ab, indem sie den redaktionellen Teil stärken. Dadurch daß
sich diese Objekte ausschließlich auf den sublokalen Bereich spezialisieren,
können sie die Bedürfnisse der Einzelhändler besser befriedigen
als die Tageszeitungen: Sie werben praktisch unmittelbar vor der Haustür
des Inserenten.
Grundlegend für ein erfolgreiches Anzeigenmarketing ist die intensive
Marktbeobachtung durch die Anzeigenberater und die daraus resultierende
Marktübersicht. Die Titel der Mitbewerber gehören deshalb zur
täglichen Pflichtlektüre eines jeden Anzeigenberaters. Hierbei
achten sie besonders auf Anzeigenkunden, die bei den Mitbewerbern bereits
Anzeigen geschaltet haben, den Weg zur WAZ-Gruppe bislang jedoch nicht
gefunden haben. Die Aufgabe der Anzeigenberater ist es, diese potentiellen
Kunden von der Qualität der WAZ-Titel zu überzeugen und sie
dazu zu bewegen, bei nächster Gelegenheit in diesen zu werben.
Sonderseiten bieten dem Inserenten ein produktbezogenes Zeitungsumfeld
Besondere Aufmerksamkeit bei der täglichen Auswertung der Konkurrenzobjekte
gilt den Sonderseiten, auch Kollektive genannt. Um den Inserenten ein
produktbezogenes Zeitungsumfeld anzubieten und somit dem Inserat zusätzliche
Wirkung zu verschaffen, bringen die Verlage in regelmäßigen
Abständen Sonderveröffentlichungen heraus, die sich mit einem
speziellen Thema befassen (z.B. "Planen, Bauen, Wohnen" oder
"Ausbildung").
Teilweise werden diese Kollektive in Zusammenarbeit mit den Stadtredaktionen
erstellt, zu den meisten Themen liegen den Anzeigenabteilungen jedoch
bereits sogenannte Zentraltexte vor. Der Anzeigenberater kann aus einer
Auswahl von Texten, die zuvor in der Zentralredaktion erstellt wurden,
passende Texte auswählen, um die Sonderseite attraktiv zu gestalten.
Zu diesem Zweck liegen zu jedem Thema Textausschnitte in den gängigen
Größen vor.
Viele Firmen, für die eine Zeitungsanzeige unter normalen Bedingungen
bislang nicht in Fragen kam, sind dazu bereit, eine Anzeige auf einer
dieser Sonderseiten zu schalten, da sie sich davon eine größere
Aufmerksamkeit der Leserschaft erhoffen.
Die Zeitungsverlage haben mittlerweile einige Sonderseitenthemen etabliert,
die mehrmals im Jahr laufen und sich als lukrativ erwiesen haben. Schwierigkeiten
entstehen in diesem Zusammenhang dadurch, daß viele saisonale Themen
(z.B. "Ausbildung" und "Steuerberater") in allen Zeitungen
zeitgleich laufen, die Kunden jedoch in den meisten Fällen nicht
in allen Titeln werben können. In diesem Fall haben es die hochauflagigen
Objekte in der Regel einfach, einen Großteil der Umsätze auf
sich zu ziehen, und die kleinauflagigen Titel haben das Nachsehen. Als
Verkaufsargument bleibt ihnen der vergleichsweise niedrige Anzeigenpreis,
der sich ja in erster Linie an der Auflage orientiert.
Zu den Aufgaben der Anzeigenleitung gehört es natürlich auch
Trends aufzuspüren, zu denen man eine Sonderseite erstellen könnte.
Einige davon können sich durchsetzen, während andere nach kurzer
Zeit eingestellt werden.
Die Sonderseiten der Mitbewerber werden in den Anzeigenabteilungen gesammelt
und ausgewertet, gute Ideen gegebenenfalls übernommen. Ich möchte
an dieser Stelle noch einmal betonen, daß man es trotz intensiver
Auswertung und Marktbeobachtung nicht bei der bloßen Reaktion belassen
darf, sondern aktiv Trends setzen muß.
Die Auftragsabwicklung
Ähnlich wie im Bereich privater Gelegenheitsanzeigen unterscheidet
man auch bei den Geschäftsanzeigen in Fließsatzanzeigen und
gestalteten Anzeigen. Täglich bearbeiten die Anzeigenberater eine
Fülle von Fließsätzen, die sie direkt in das KS-Star-System
eingeben und per Netzwerk an die Anzeigenverwaltung in Essen versenden
können. Hierbei handelt es sich zum Beispiel um Stellenangebote und
Immobilienanzeigen. Um eine bestmögliche Aufmerksamkeit beim Leser
und einen hohen Wiedererkennungswert zu erreichen, plazieren viele Firmen
gestaltete Anzeigen, die beispielsweise ein Firmenlogo enthalten, auffällige
Schriftarten verwenden oder die Abbildung eines Produktes beinhalten.
Während die großen Unternehmen in der Regel Werbeagenturen
mit der Gestaltung ihrer Anzeigen beauftragen, haben die Anzeigenabteilungen
im Umgang mit dem lokalen Einzelhandel eine wichtige Beratungsfunktion.
In einem persönlichen Gespräch mit dem Kunden werden die Elemente
besprochen, die die Anzeige enthalten soll, um sie gegenüber der
Konkurrenz hervorzuheben. Oftmals dienen Visitenkarten und andere bereits
vorhandene Werbemittel hierbei als Vorlage. Der Berater erstellt in Zusammenarbeit
mit dem Kunden einen ersten Entwurf. Aufgrund dieser Skizze kann in der
Produktionsannahme ein Korrekturabzug (auch Abzugsanzeige) erstellt werden.
Anhand des Korrekturabzugs sieht der Anzeigenberater, wie die Anzeige
später in der Zeitung wirken wird. Oft werden nun in Absprache mit
dem Auftraggeber letzte Veränderungen vorgenommen, die im Korrekturabzug
vermerkt werden.
Jeder eingegangene Auftrag wird in KS-Star zu einem Manuskript verarbeitet.
Das Manuskript ist die grundlegende Arbeitsunterlage für alle Abteilungen,
die der Auftrag durchläuft. Es enthält alle technischen und
kaufmännischen Angaben, die für die Veröffentlichung wichtig
sind. Im oberen Teil des Manuskripts findet man Größe, Preis,
Ausgabe, Erscheinungsdatum und die Rubriknummer. Jedem Manuskript wird
eine Manuskriptnummer vergeben, der Berater trägt seine Vertreternummer
ein, um seinen Anspruch auf Provision zu dokumentieren. Im unteren Teil
stehen die Anschrift sowie die Bankverbindung des Kunden. Der berichtigte
Korrekturabzug wird dem ausgedruckten Manuskript hinzugefügt und
dient der Produktion als Druckvorlage.
Die großen Handelsketten schalten ihre Anzeigenaufträge in
der Regel über Werbeagenturen. Diese stellen die erforderlichen Druckvorlagen
selber her und schicken diese an die Anzeigenabteilung. Mittlerweile können
Vorlagen auch auf dem elektronischen Weg per ISDN versendet werden.
Während die Verlage bei privaten Gelegenheitsanzeigen auf eventuelle
Reklamationen der Kunden warten, prüft jeder Anzeigenberater am Erscheinungstag,
ob seine Inserate auch ordnungsgemäß gestanden haben. Das Versenden
von Belegexemplaren gehört ebenfalls zum Kundendienst. Bei der Fülle
der Anzeigen, die ein Berater täglich bearbeitet, können sich
in die Texte Fehler einschleichen. Reklamationen der Kunden werden überprüft
und der Auftraggeber gegebenenfalls mit einer Ersatzanzeige oder Nachlässen
entschädigt.
Besonderheiten bei der Erstellung von Sonderseiten
Bei den regelmäßig erscheinenden Sonderseiten sind die lokalen
Anzeigenabteilungen, was die selbständige Gestaltung betrifft, noch
stärker gefordert. Aufgrund der Anzeigenmillimeter, die für
ein Sonderseitenthema realisiert wurden, legt die Anzeigenabteilung nach
gewissen internen Vorgaben fest, welchen Umfang die Sonderveröffentlichung
haben wird. Es ist unwirtschaftlich eine ganze Seite für ein Thema
bereitzustellen, wenn das Anzeigen-/ Text- Verhältnis unausgewogen
ist. Andererseits können für ein Thema mehr Anzeigenaufträge
abgeschlossen werden als zuvor geplant war. In diesem Fall kann eine weitere
Seite hinzugefügt werden. Ab einer bestimmten Anzahl an Millimetern
kann die Sonderveröffentlichung im Tabloidformat gedruckt werden.
Unter Tabloid versteht man eine Beilage im halben Zeitungsformat. Der
Vorteil für Leser und Inserenten besteht darin, daß man die
Beilage herausnehmen und gegebenenfalls verwahren kann, ein nicht zu unterschätzender
Beitrag zur Werbewirkung.
Die Sonderseite muß der Anzeigenverwaltung gemeldet werden, damit
hier frühzeitig der Umfang der Ausgabe geplant werden kann. Daraufhin
wird der Satzspiegel erstellt. In den Anzeigenabteilungen liegen zu den
regelmäßig erscheinenden Themen Zentraltexte vor. Diese können
nun je nach Bedarf mit den Anzeigen auf den Satzspiegel geklebt werden.
Hierbei muß auf eine lesefreundliche Gestaltung der Seite geachtet
werden. Das heißt, daß das Verhältnis zwischen Anzeigen
und Text ausgewogen sein sollte, um zu vermeiden, daß die Sonderseite
zum "Anzeigenfriedhof" wird. Der fertig erstellte Satzspiegel
wird zusammen mit den Manuskripten an die Anzeigenverwaltung geschickt,
die anhand der Vorgaben der Geschäftsstelle die Seite erstellt.
Die Anzeigenpreisliste
Wichtige Grundlage für den Geschäftsverkehr zwischen Verlagen
und Werbungtreibenden ist die Anzeigenpreisliste. Neben den Anzeigenpreisen
sind in ihr auch alle wichtigen technischen Daten sowie Termine aufgeführt,
die der Kunde für seine Planung benötigt.
Die Preisliste enthält die Anschrift sowie Bankverbindung des Verlages,
Anzeigenschlußtermine sowie Preise für die unterschiedlichen
Anzeigenarten und Belegungsmöglichkeiten in den einzelnen Ausgaben.
Sie informiert über Nachlässe und Aufschläge und enthält
technische Angaben zum Satzspiegel, Druckverfahren sowie zu den technischen
Anforderungen an die Druckunterlagen.
Bei den Anzeigenpreisen wird nach Grundpreisen und Ortspreisen unterschieden.
Die Grundpreise gelten für Aufträge von auswertigen Inserenten
oder Werbeagenturen, die Ortspreise hingegen für ortsansässige
Kunden. Außerdem gibt es bestimmte Anzeigenarten, die zum Privatpreis
abgerechnet werden (private Gelegenheitsanzeigen, Familienanzeigen). Es
werden sowohl die Preise für die Gesamtausgabe als auch für
alle Wirtschaftsraum- und Lokalausgaben genannt.
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