Vergleich von Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" mit Stanley
Kubricks "Eyes Wide Shut" im Hinblick auf Handlungsverlauf und
Figurenkonstellationen
Eine Hausarbeit von Tim Fischer
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. "Traumnovelle"
1.1 Kurzbiografie Arthur Schnitzlers
1.2 Entstehungskontext der "Traumnovelle"
1.3 Inhalt und Thematik
1.4 Analyse- und Interpretationsansätze
2. "Eyes Wide Shut"
2.1 Kurzbiografie Stanley Kubricks
2.2 Entstehungskontext des Films "Eyes Wide Shut"
2.3 Analyse- und Interpretationsansätze
3. Vergleich der "Traumnovelle" mit "Eyes
Wide Shut"
3.1 Einleitende Bemerkungen
3.2 Unterschiede im Handlungsverlauf
3.3 Unterschiede in den Figurenkonstellationen
Schlussbemerkung
Literaturverzeichnis
Filmverzeichnis
_______________________________________________________
Einleitung
Den Hauptgegenstand der vorliegenden Hausarbeit bildet der Vergleich
von Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" mit der von Stanley Kubrick
inszenierten Adaption "Eyes Wide Shut". Da die Handlung des
Films rund achtzig Jahre später angesiedelt ist als die des Romans,
und sie zudem noch an einem anderen Schauplatz stattfindet, liegt der
Schwerpunkt der Analyse hier auf den vorgenommenen Veränderungen
bezüglich der Handlung und der Figuren. Es wird also untersucht,
inwiefern das Geschehen der "Traumnovelle" für die Verfilmung
an einigen Stellen abgewandelt und unter dem Aspekt des Zeitgemäßen
eben auch ,modernisiert' wurde.
Bevor es jedoch zum eigentlichen Vergleich der "Traumnovelle"
mit "Eyes Wide Shut" kommt, wird zunächst ein kurzer Inhaltsüberblick
gegeben, und es wird auf die jeweils wichtigsten und relevantesten biografischen
Umstände von Arthur Schnitzler und Stanley Kubrick näher eingegangen.
Außerdem werden ihre hier untersuchten Werke jeweils in Beziehung
zum Entstehungskontext gesetzt und darüber hinaus noch einige Analyse-
und Interpretationsansätze vorgestellt.
1. "Traumnovelle"
1.1 Kurzbiografie Arthur Schnitzlers
Arthur Schnitzler wurde am 15.05.1862 als ältester Sohn in eine wohlhabende
Arztfamilie des Wiener Bürgertums hineingeboren, wodurch seine berufliche
Bestimmung in gewisser Weise bereits feststand. Denn ebenso wie schon
sein Vater, studierte auch Schnitzler Medizin. Er besuchte ab 1879 die
medizinische Fakultät der Wiener Universität, promovierte 1885,
arbeitete danach zwei Jahre als Sekundararzt am Allgemeinen Krankenhaus
und anschließend weitere fünf Jahre als Assistent seines Vaters
an der Poliklinik. Nach dessen Tod 1893 eröffnete er eine Privatpraxis.
Dass Schnitzler jedoch auch andere Ambitionen hatte, zeigte sich bereits
während seiner Kindheit: "Früh fühlte sich Schnitzler
von der Bühne als Welt der Verkleidungen, des Spiels und des Scheins
angezogen." Mit achtzehn Jahren hatte er bereits dreiundzwanzig Dramen
verfasst und weitere dreizehn begonnen. Der endgültige Übergang
"von der Doppelexistenz als Arzt und Literat zum Schriftstellerberuf"
vollzog sich in den frühen 90er Jahren. Schnitzlers naturwissenschaftliche
Schulung und seine praktischen Erfahrungen als Arzt sind dabei im Hinblick
auf sein Werk von entscheidender Bedeutung. Auch teilte er das "Interesse
für psychisch verursachte Erkrankungen und neue psychotherapeutische
Heilmethoden" mit seinem Zeitgenossen Sigmund Freud.
Während Freud sich jedoch wissenschaftlich damit auseinander setzte,
versuchte Schnitzler sich diesem Thema eher auf literarischem Wege zu
nähern. Weitere Interessengebiete, mit denen er sich immer wieder
beschäftigte, sind die "Ehe als einzige gesellschaftlich sanktionierte
Form der geschlechtlichen Beziehung zwischen Mann und Frau" und der
individuelle Mensch. Seine Stoffe sind zudem meist im Wien der Jahrhundertwende
angesiedelt.
Am 21.10.1931 starb Arthur Schnitzler an einem Gehirnschlag in seiner
Geburtsstadt Wien.
1.2 Entstehungskontext der "Traumnovelle"
Die Thematik der "Traumnovelle" knüpft in gewisser Weise
an Schnitzlers Arbeit als Redakteur der von seinem Vater begründeten
"Internationalen Klinischen Rundschau" an, für die er von
1887 bis 1893 verschiedene Beiträge verfasste. In einem 1888 dort
erschienenen Artikel beschäftigte sich Schnitzler bereits mit der
ethischen Seite seiner Standesinteressen. In dem Artikel wird, wie auch
durch die Charakterisierung einiger Figuren aus der "Traumnovelle",
der Vorwurf formuliert, dass Mediziner keineswegs immer dem Idealbild
ihres Berufsstandes entsprechen.
Eine erste Erwähnung der eigentlichen Geschichte findet sich in einem
Tagebuch-eintrag Schnitzlers vom 15.06.1907. Eine ausführlichere,
im Nachlass erhaltene Skizzierung des Geschehens der "Traumnovelle"
ist auf den 20.06.1907 datiert.
1.3 Inhalt und Thematik
Die "Traumnovelle" erzählt von der Ehekrise des Paares
Fridolin und Albertine, deren Auslöser das gegenseitige Gestehen
von erotischen Erlebnissen bzw. Fantasien während einer gemeinsamen
Dänemarkreise darstellt. "Beide waren damals der Versuchung,
einem anderen Partner zu folgen, nur durch äußere Umstände
entgangen, so daß die seelische Realität des ungelebten Lebens
die Harmonie ihres Zusammenlebens scheinhaft werden ließ."
Vom jeweiligen Geständnis des Partners angeregt, versuchen beide
das Versäumte nachzuholen. Der Arzt Fridolin lässt sich von
seinem alten Studienfreund Nachtigall in eine geheime, nächtliche
Gesellschaft einführen, wo er eine Tanzorgie nackter, aber maskierter
Frauen miterlebt. "Eine schöne Frau, mit der er leidenschaftliche
Bekanntschaft schließt, warnt ihn: jeder Fremde müsse seine
Anwesenheit mit dem Tod bezahlen." Fridolin entgeht diesem jedoch
nur, da sich die Fremde für ihn opfert. Nach Hause zurückgekehrt,
weckt er seine Frau Albertine aus einem erregten Traum, in dem sie sich
jenem in Dänemark getroffenen Mann hingegeben hat, "während
sie ruhig zusah, wie Fridolin, sich für seine Treue zu Albertine
opfernd, gekreuzigt wurde."
Am nächsten Tag macht sich Fridolin auf die erfolglose Suche nach
der Fremden und entdeckt, "daß diese für ihn mit seiner
Frau identisch wurde. So haben sich beide füreinander geopfert auf
jener Ebene der Traumrealität" . Als Fridolin von seiner Suche
zurückkehrt, hat Albertine die Maske, welche er von seinem nächtlichen
Abenteuer mitgebracht hat, als Zeichen des Verständnisses auf sein
Bett gelegt. Fridolin erkennt diese Geste und kann nun seiner Frau erzählen,
was er in der vergangenen Nacht erlebt hat. "Erst damit haben beide
die Gefährdung durch das Unterbewußtsein [...] überwunden".
1.4 Analyse- und Interpretationsansätze
In der "Traumnovelle" thematisiert Schnitzler das "Verhältnis
von faktischer und psychischer Wirklichkeit" , die Gefährdung
der Ehe durch erotisches Verlangen und den Versuch der "Bewegung
zueinander" . Die Erzählung folgt dem Schema "Ausbruch,
Abenteuerreise und Rückkehr" , in deren Verlauf sich die Eheleute
Fridolin und Albertine scheinbar voneinander entfremden, am Ende jedoch
sogar gestärkt wieder zusammenfinden.
Die "Traumnovelle" beginnt mit einer Märchenerzählung,
einer Szene, "die einer ganz anderen, fremden Welt entstammt"
. Dieser Anfang enthält bereits die zentralen Motive "der Nacht,
der Einsamkeit, der Reise und des Abenteuers" , die alle im Laufe
der Erzählung wieder aufgegriffen werden. Auch wird hierdurch das
Erzählen an sich als ein Hauptbestandteil eingeführt.
Albertines Traum, der "eine tiefenpsychologische Bedeutung hat"
, und Fridolins ,mittelbewusstes Erleben', bei dem für ihn die Grenzen
zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen, sind die wichtigsten Komponenten
der Erzählung. "Diese Komponenten vereinigen sich in der Traumnovelle
zu einem dichterischen Pendant der Lehre Freuds, in dem der individuelle
Konfliktfall durch bewußtmachende Analyse geheilt wird." Schnitzler
präsentiert diese Geschichte "nicht in der Form der ,eigentlichen',
sondern der ,szenischen Erzählung'" .
Das "offenbar glückliche Ende der Traumnovelle" mit dem
"sieghaften Lichtstrahl" und dem "hellen Kinderlachen",
steht im Kontrast zu den "braunen Sklaven" und dem "dunkelblauen,
sternbesäten Nachthimmel" des Anfangs. "Mit diesem Schluß,
darin ist die Forschung sich einig, nimmt die Traumnovelle eine Sonderstellung
im Oeuvre Schnitzlers ein" , denn in diesem Ende liegt der entscheidende
Unterschied zu seinen übrigen Werken. Zwar folgt die "Traumnovelle"
ebenso einer deutlichen Kreisbewegung wie andere Werke Schnitzlers, jedoch
ist der hier vorhandene Kontrast das Besondere. Denn erst die bei Albertine
und Fridolin zum Schluss einsetzende Befreiung und die Erkenntnis der
Gefahr, "daß die Seele breitere Möglichkeiten hat, als
das Leben zu realisieren vermag, ermöglichen ihnen ein neues unentfremdetes
Verhältnis" , das eine Weiterentwicklung, und dementsprechend
auch einen Kontrast, gegenüber ihrer am Anfang geschilderten Beziehung
darstellt.
2. "Eyes Wide Shut"
2.1 Kurzbiografie Stanley Kubricks
Stanley Kubrick wurde am 26.07.1928 in New York in eine mittelständische
Arztfamilie hineingeboren, die ihre Wurzeln in Österreich-Ungarn
hatte. Er wuchs in der Bronx auf, brach frühzeitig die Schule ab
um Fotograf zu werden und verdiente bereits mit achtzehn Jahren seinen
Lebensunterhalt als freier Bildreporter für das Magazin "Look".
Seinen ersten Kurzfilm "Day Of The Fight", den er auch selbst
finanzieren musste, drehte Kubrick 1950. Es folgten weitere kleine Aufträge
für Dokumentarfilme, bis er 1953 schließlich seinen ersten
Spielfilm "Fear And Desire" inszenierte. Diesen "ließ
er bald für jede öffentliche Vorführung sperren, womit
er seinen Ruf als Exzentriker begründete. Es folgten rasch zwei spannende
Film-noir-Werke [...], danach steigerte sich Kubrick in seinen legendären
Perfektionismus." "Die Gelegenheit zu einem großen Karrieresprung
erhielt Kubrick, als Kirk Douglas ihn mit der Regie für Spartacus
[...] beauftragte." Nach dessen Fertigstellung emigrierte er nach
England und den "endgültigen Durchbruch schaffte Kubrick mit
[...] Dr. Strangelove, or How I Learned to Stop Worrying and Love the
Bomb [
]. Der künstlerische und kommerzielle Erfolg dieses Films
bildete die Grundlage für seine nächsten Projekte."
In seinen folgenden Filmen ließ der Perfektionist "manche Szene
bis zu über hundertmal wiederholen, um das Beste aus seinen Schauspielern
herauszuholen und genügend Material für den Schnitt zu haben.
Er wollte jeden Aspekt der Filmarbeit kontrollieren" . "Während
der Dreharbeiten zu seinem letzten Film ,Eyes Wide Shut' brachte er die
damals noch verheirateten Stars Nicole Kidman und Tom Cruise durch ständige
Nachdrehs zur Verzweiflung." Charakteristisch und typisch für
Kubricks Filme sind "die pessimistische Grundhaltung, die mit einem
sehr hintergründigen Humor vermittelt wird, die intensive Bildsprache,
der bewußte Einsatz von Musik und die langen Einstellungen."
Kurz nach Fertigstellung von "Eyes Wide Shut" starb Stanley
Kubrick am 07.03.1999 in seiner Wahlheimat England.
2.2 Entstehungskontext des Films "Eyes Wide Shut"
Mit "Eyes Wide Shut" inszenierte Stanley Kubrick eine Adaption
von Arthur Schnitzlers "Traumnovelle", "für die er
die Rechte schon um 1970 erworben hatte." "Kubrick nahm diesen
Traumstoff und sein Lustprinzip auf, kurz bevor sich das Kino im kommenden
Jahrhundert womöglich restlos digitalisiert und damit möglicherweise
auch enterotisieren wird."
Bereits vor der Premiere 1999 "sorgte Kubricks Filmvermächtnis
[...] für Aufsehen. Getrieben von seinem berüchtigten Perfektionismus,
zog der kompromisslose Regisseur die Dreharbeiten in den englischen Pinewood-Studios
von November 1996 bis Sommer 1998 unter höchster Geheimhaltung hin."
Als Kubrick dann starb, fünf Tage "nachdem er seinen Director´s
Cut und eine zweite Fassung für den amerikanischen Markt fertig gestellt
hatte, war der Film schon ein Mythos, bevor er das erste Mal gezeigt wurde."
2.3 Analyse- und Interpretationsansätze
Zu Beginn des Films sieht man, wie sich das Ehepaar Harford auf einen
gesellschaftlichen Abend vorbereitet. Er betrachtet sich im Badezimmerspiegel,
schenkt ihr dabei jedoch kaum Aufmerksamkeit, blickt seine Frau erst an,
als sie mehrmals nachfragt wie sie aussehe, und küsst sie schließlich
auf den Hals. "Das, was uns Zuschauerinnen und Zuschauern hier als
erotischer Blick serviert wird, ist für das Ehepaar eine völlig
begierdelose Routine. Man nimmt den Körper des anderen teilnahmslos
wahr" . Im Anschluss an die Party, als beide annehmen, dass der andere
dort wahrscheinlich die Chance zum Fremdgehen hatte, "sehen sie einander
wieder, nun möglicherweise mit den begehrlichen Blicken von Fremden"
behaftet, die ihnen auf der Feier ,eindeutige Angebote' unterbreitet haben.
"Eigentlich ist all das, wovon EYES WIDE SHUT erzählt, in dieser
ersten halben Stunde angesprochen: die Vertrautheit und Blindheit der
Liebe, die verschlungenen Wege des Begehrens, die Projektionen und Wünsche,
die subjektiven Perspektiven und die fremden Blicke."
Dass das Geschehen der "Traumnovelle" auch rund achtzig Jahre
nach seiner Entstehung filmisch verarbeitet wird und nach wie vor ,funktioniert',
ist ein Indiz für dessen Zeitlosigkeit. Die Geschichte hat also nicht
an Aktualität verloren, und es besteht noch immer ein anhaltendes
Interesse an dieser Thematik. "Und irgendwie machte es auch Sinn,
zum Ausgang des 20. Jahrhunderts filmisch einen Stoff zu bearbeiten, der
wie das Kino zu Beginn des Jahrhunderts entstanden war." Denn Stanley
Kubricks letztes Werk "Eyes Wide Shut" stellt sowohl den Abschluss
seines eigenen Wirkens und Schaffens dar, und es steht darüber hinaus
eben auch "am Ende des Jahrhunderts der Psychoanalyse und des Kinos
[...], das mit der Veröffentlichung von Freuds Traumdeutung begann
und mit Kubricks Schnitzler-Adaption seinen End- und Höhepunkt erreicht
hat."
3. Vergleich der "Traumnovelle"
mit "Eyes Wide Shut"
3.1 Einleitende Bemerkungen
In den beiden folgenden Kapiteln werden nun der Roman "Traumnovelle"
und der Spielfilm "Eyes Wide Shut" unter dem Gesichtspunkt des
"ästhetischen Vergleichs" zueinander in Beziehung gesetzt.
Der Schwerpunkt der Unter-suchungen liegt dabei auf den im Film vorgenommen
Veränderungen in Bezug auf den Handlungsverlauf. Außerdem wird
kurz die veränderte Konstellation der Figuren betrachtet, und es
wird allgemein danach gefragt, welche Auswirkungen sich durch die vorhandenen
Abwandlungen ergeben.
3.2 Unterschiede im Handlungsverlauf
Die signifikanteste Änderung, die Stanley Kubrick für "Eyes
Wide Shut" vorgenommen hat, ist, "dass er die Handlung [der
"Traumnovelle"] vom Wien der letzten Jahrhundertwende ins New
York der Jahrtausendwende" übertragen hat. Die Hauptfiguren
heißen nun nicht mehr Albertine und Fridolin, sondern Alice und
William, auch Bill genannt, Harford.
Während die "Traumnovelle" damit einsetzt, dass sich die
Ehepartner "über die Erlebnisse auf der gestrigen Redoute"
unterhalten, geht Kubrick im Film noch einen Schritt weiter. Er lässt
ihn dort beginnen, wo sich Alice und Bill eben gerade auf diese "Party"
vorbereiten. Die erzählte Zeit ist somit in "Eyes Wide Shut"
um rund einen Tag länger als die im Roman, wo jene Ereignisse nur
in knappen Rückblicken erwähnt werden. Für die weitere
Handlung des Film ist es jedoch von entscheidender Wichtigkeit, dass die
Ereignisse der Party minutiös aufgezeigt werden. Zum einen wird dem
Zuschauer eindringlicher vermittelt wie ,begehrt' Dr. Harford und seine
Gattin sind und dass sie jederzeit die Chance zum Seitensprung hätten,
und zum anderen trifft Bill hier schon seinen alten Studienfreund Nick
Nightingale wieder, der inzwischen eine Karriere als Pianist eingeschlagen
hat, und der eine Schlüsselfigur für Williams ,Abenteuerreise'
darstellt.
Die Damen, mit denen Bill flirtet, und die er fragt "Nur, wo genau
gehen wir überhaupt hin?", erwähnen außerdem etwas,
das im weiteren Verlauf noch an Bedeutung gewinnt: "Wir gehen zum
Ende des Regenbogens." Auch wird Dr. Harford auf der Party zu einem
medizinischen Notfall gerufen, bei dem er erstmals mit Mandy in Kontakt
kommt, die später noch eine entscheidende Funktion haben wird. Im
Gegensatz zur "Traumnovelle" werden in "Eyes Wide Shut"
also die Elemente, die symbolisch für Bills nächtliche Abenteuer
stehen, nämlich ,Nick Nightingale', ,der Regenbogen' und ,Mandy',
schon vor dem eigentlichen Auslöser für seinen ,Ausbruch' eingeführt,
der eigentlich erst am Tag nach der Party durch das Gespräch mit
Alice gegeben ist.
Nachdem Alice ihrem Ehemann in diesem Gespräch ihre erotischen Fantasien
in Bezug auf einen Marine-Offizier gestanden hat, wird Bill zu einem Todesfall
gerufen und stellt sich im weiteren Verlauf ständig vor, wie sich
seine Frau diesem Offizier ,hingibt', was filmisch durch eine immer wieder
eingeschobene Traumsequenz verdeutlicht wird.
Im Anschluss an diesen Hausbesuch streift Dr. Harford durch die Straßen
und kommt mit der Prostituierten Domino in körperlichen Kontakt.
Im Roman wird gesagt, Fridolin "schämte sich und ließ
endlich ab", während in "Eyes Wide Shut" Bill von
Alice durch einen Anruf auf sein Handy davon abgehalten wird mit der Prostituierten
intim zu werden. Seine Frau hat hier also eine viel aktivere Rolle und
trägt maßgeblich dazu bei, dass ihr Mann von Domino ablässt
und mit seinem Gewissen hadert.
William geht schließlich weiter und trifft in einem Café
auf Nick Nightingale, der ihm sagt, dass er in dieser Nacht noch einen
weiteren geheimen Auftritt habe. Nach einigem Zögern gibt er Bill
schließlich das Passwort für diese Veranstaltung. Es lautet
"Fidelio". Auch teilt er ihm mit, dass dort alle Anwesenden
maskiert sein müssen. Der Film weicht an dieser Stelle vom Roman
ab, da Fridolin in der "Traumnovelle" seinen alten Studienfreund
Nachtigall in dem Café seit sehr langer Zeit erstmals wieder sieht.
Auch lautet das Passwort im Roman nicht "Fidelio" sondern "Dänemark",
wodurch eine Verbindung zu Albertines Traumvorstellungen mit dem im Dänemarkurlaub
getroffenen Mann hergestellt wird. Beider Abenteuer stehen in der "Traumnovelle"
also mit ,Dänemarkerlebnissen' in Beziehung. Im Film ist eine Verbindung
in der Form jedoch nicht vorhanden.
Dafür knüpft in "Eyes Wide Shut" Bills nächtliche
Abenteuerreise aber an die Partyerlebnisse des Anfangs an. Der Kostümverleih,
bei dem er sich Maske und Umhang besorgt, heißt bezeichnenderweise
"Rainbow Fashions". Die "Reise zum Ende des Regenbogens",
die ihm die beiden Damen auf der Feier angeboten haben, tritt Dr. Harford
nun in gewisser Weise an. Denn die Verkleidung, die er sich bei "Rainbow
Fashions" besorgt, ist die Zugangsvoraussetzung für seine erotische
Abenteuerreise.
Als Bill es geschafft hat in die ,geheime Gesellschaft' hineinzukommen,
wird er von einer Fremden gewarnt: "Sie müssen gehen. Sofort!
[...] Sie sind in großer Gefahr." Nachdem Bill dann ,entlarvt'
wurde, bietet sie an sich für ihn zu opfern. Später, als Dr.
Harford aufgrund eines Zeitungsberichtes annimmt, dass die mysteriöse
Frau das in diesem Bericht erwähnte Todesopfer ist, und er dementsprechend
weitere Nachforschungen anstellt, erfährt er, dass die Fremde tatsächlich
mit der Toten identisch ist und er sie bereits kannte ohne dies aber zu
wissen. Denn die Tote ist jene Mandy, um die er sich bereits auf der Party
zu Beginn gekümmert hat. Hier liegt also ein entscheidender Unterschied
zur "Traumnovelle" vor. Bill weiß, wer jene Fremde war,
die ihn ,gerettet' hat und wird von Victor über die Umstände
ihres Todes und die ,geheime Gesellschaft' aufgeklärt. Fridolin hingegen
hat diese absolute Gewissheit nicht, denn er ist sich im Unklaren darüber,
"ob die Frau [...] dieselbe war, die er vor vierundzwanzig Stunden
zu den wilden Klängen von Nachtigalls Klavierspiel nackt in den Armen
gehalten, oder ob diese Tote irgendeine andere, eine Unbekannte, eine
ganz Fremde war, der er niemals vorher begegnet" ist.
Am Ende, als sowohl Alice als auch Bill von den jeweiligen ,Erlebnissen'
ihres Partners wissen, und nach der ,Rückkehr' aus ihren Abenteuern
wieder zueinander gefunden haben, erledigen sie mit ihrer Tochter die
Weihnachtseinkäufe. Das ,glückliche Ende' der "Traumnovelle"
mit dem "sieghaften Lichtstrahl" und dem "hellen Kinderlachen"
hat Kubrick in "Eyes Wide Shut" noch um Einiges verstärkt.
Die vorweihnachtliche Stimmung, die lebendig wirkende Geräuschkulisse
und die zahlreichen fröhlichen Kinder-stimmen stehen in Kontrast
zum restlichen Film und ,übertreffen' zudem in ihrer Symbolhaftigkeit
und Aussagekraft den Schluss der "Traumnovelle". Auch geht "Eyes
Wide Shut" mit dem letzten Dialog noch einen Schritt weiter als der
Roman, denn hier wird von Alice das gesagt, was in der "Traumnovelle"
unausgesprochen bleibt: "Trotzdem, ich weiß genau, ich liebe
dich. Ach ja, und es gibt etwas sehr Wichtiges, das wir äußerst
dringend machen müssten. [...] Ficken."
3.3 Unterschiede in den Figurenkonstellationen
Während in der "Traumnovelle" Albertines Bekanntschaft
auf der Redoute lediglich mit dem Satz "seine Gattin, die sich eben
jäh einem Unbekannten entzogen, dessen melancholisch-blasiertes Wesen
und fremdländischer, anscheinend polnischer Akzent sie anfangs bestrickt,
der sie aber plötzlich durch ein unerwartet hingeworfenes, häßlich-freches
Wort verletzt, ja erschreckt hatte" erwähnt wird, ist diese
Figur in "Eyes Wide Shut" sehr viel stärker ausgebaut.
Hier heißt der ,Unbekannte' Sandor Szavost, ist Ungar und versucht
vehement Alice zu verführen, indem er ihr Komplimente unterbreitet
und anspielungsreiche Aussagen trifft: "Die Ehe wird doch überhaupt
erst dadurch reizvoll, dass sie beide Seiten zwingt einander etwas vorzumachen."
Die Begegnung mit Szavost ist außerdem ein Hauptgrund, warum es
am folgenden Tag zwischen Alice und Bill zu einem eskalierenden Streit
kommt, da Bill auf das Geständnis seiner Frau, dass der Ungar mit
ihr schlafen wollte, erwidert, dies sei ein "verständlicher
Wunsch", er ihr aber vertraue, dass sie so etwas nicht machen würde.
Daraufhin gesteht Alice ihm ihre erotischen Fantasievorstellungen in Bezug
auf den Marine-Offizier.
Wie bereits erwähnt werden einige der Figuren, die William antrifft,
im Film an früherer Stelle eingeführt als im Roman. Denn anders
als in der "Traumnovelle" begegnet Bill in "Eyes Wide Shut"
Nick Nightingale schon auf der Party. Und auch Mandy und den Gastgeber
Victor Ziegler, der in dieser Form im Roman gar nicht vorkommt, trifft
er auf der Feier. Letzterer stellt im Film sogar die verbindende Figur
zwischen allen Beteiligten dar. Ziegler ist derjenige, der für Nightingale
die Auftritte in der ,geheimen Gesellschaft' organisiert, vermutlich hat
er auch der Prostituierten Mandy den Zugang dazu verschafft, er war bei
Bills ,nächtlichem Abenteuer' anwesend, weiß über die
Hintergründe Bescheid, und er ist es eben auch, der ihn am Ende über
alles aufklärt.
Schlussbemerkung
Im Rahmen dieser Hausarbeit sind die wichtigsten und markantesten Unterschiede
des Romans "Traumnovelle" und des darauf basierenden Spielfilms
"Eyes Wide Shut" herausgearbeitet worden. Für die Adaption
wurden verständlicherweise noch viele weitere Details abgeändert,
die aber nicht wesentlich zu einer Abwandlung der Geschichte führen.
Vielmehr sind diese Veränderungen dadurch zustande gekommen, dass
der Film bewusst in einer anderen Epoche angesiedelt ist, und er dementsprechend
auch jenem zeitlichen Kontext entsprechen sollte.
Und genau diese Gratwanderung ist Stanley Kubrick sehr eindrucksvoll gelungen.
Er hat es durch seine Inszenierung geschafft, einen rund achtzig Jahre
alten Stoff so zu präsentieren, dass er ,modern' und ,zeitgemäß'
erscheint ohne sich dabei jedoch zu weit von Arthur Schnitzlers Vorlage
zu entfernen.
Literaturverzeichnis
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Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 2003.)
EINSIEDEL, WOLFGANG VON (HRSG.): Kindlers Literatur Lexikon. Einmalige
zwölfbändige Sonderausgabe. Zürich: Kindler Verlag 1970.
(Band XI, Werke Tran - Z)
FAULSTICH, WERNER: Grundkurs Filmanalyse. München: Wilhelm Fink Verlag
2002.
HARENBERG FILM TAGESKALENDER 2004. Dortmund: Harenberg Kalender-verlag
2003.
KEMPEN, BERNHARD: Stanley Kubrick. Amerikanisch-Britischer Filmregisseur
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Person/K/Ku_Kuh/Kubrick_Stanley_1928.htm> (18.03.2004).
PERLMANN, MICHAELA L.: Arthur Schnitzler. Stuttgart: J. B. Metzlersche
Verlagsbuchhandlung 1987.
PERLMANN, MICHAELA L.: Der Traum in der literarischen Moderne. Untersuchungen
zum Werk Arthur Schnitzlers. München: Wilhelm Fink Verlag 1987.
RALL, VERONIKA: Tom Cruise. Berlin: Bertz Verlag 2003. (Reihe Stars! Band
8)
SCHEFFEL, MICHAEL: Formen selbstreflexiven Erzählens. Eine Typologie
und sechs exemplarische Analysen. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1997.
URBACH, REINHARD: Schnitzler-Kommentar. Zu den erzählenden Schriften
und dramatischen Werken. München: Winkler Verlag 1974.
WESTPHAL, SASCHA: Aus der Amazon.de-Redaktion. Rezension zu "Eyes
Wide Shut". <http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/B00005ML1O/qid=107995
6416/sr=1-1/ref=sr_1_10_1/302-2275900-4375216> (22.03.2004).
Filmverzeichnis
Day Of The Fight (1950) [dt.: Der Tag des Kampfes]
Produktion: Stanley Kubrick
Regie: Stanley Kubrick
Dr. Strangelove Or: How I Learned To Stop Worrying And Love The Bomb
(1964) [dt.: Dr. Seltsam Oder: wie ich lernte, die Bombe zu lieben]
Produktion: Columbia Pictures Corporation
Regie: Stanley Kubrick
Eyes Wide Shut (1999) [dt.: Eyes Wide Shut]
Produktion: Hobby Films / Pole Star / Warner Bros.
Regie: Stanley Kubrick
Fear And Desire (1953) [dt.: Furcht und Begierde]
Produktion: Stanley Kubrick Productions
Regie: Stanley Kubrick
Spartacus (1960) [dt.: Spartacus]
Produktion: Bryna
Regie: Stanley Kubrick
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