Einführung in die Fotografiegeschichtevon Thorsten Radermacher
Wenn wir heute die Geburtstunde der Fotografie in erster Linie mit der Entwicklung des Negativ-Positiv-Verfahrens von William Henry Fox Talbot im Jahre 1841 in Verbindung bringen, sollten wir uns deshalb der Leistungen der zahlreichen Pioniere bewusst sein, ohne die die Entwicklung der Fotografie nicht möglich gewesen wäre. Frühgeschichte der Fotografie Schon seit frühester Zeit ist es ein Wunschtraum des Menschen, das Flüchtige und Vergängliche im Bild festzuhalten. Besonders sein eigenes Spiegelbild und die Wiedergabe des menschlichen Antlitzes im Bild hatten für den frühen Menschen etwas Faszinierendes, teilweise auch ins Unheimliche Führendes an sich. Eine wichtige Voraussetzung für die spätere Erfindung der Fotografie war bereits den alten Griechen durch die "Physik" des Aristoteles bekannt und wurde von dem arabischen Gelehrten Ibn Al-Haitham erstmals zu Beginn des 11. Jahrhunderts ausführlich beschrieben. Die Camera obscura beruht auf dem Prinzip, dass Licht, das durch ein kleines Loch in eine abgedunkelte Kammer fällt, ein seitenverkehrtes Abbild der Natur auf eine gegenüberliegende transparente Wand projiziert. Diese Konturen konnten dann von Hand nachgezeichnet werden. Seit der Renaissance haben sich Künstler die Camera obscura als Zeichenhilfe zunutze gemacht. Die ersten Konstruktionen waren noch große und unbewegliche Kammern, die die Zeichner betreten konnten, um die im Inneren projizierten Naturabbilder zu kopieren. Ende des 17. Jahrhunderts wurden erstmals kleine tragbare Modelle konstruiert, die es ermöglichten, die Kamera an verschiedenen Orten zu verwenden.
Schon im Altertum waren verschiedene Stoffe bekannt, die ihre Beschaffenheit, z. B. in der Farbe unter intensiver Sonneneinwirkung änderten. Allerdings wurde die Veränderung zu dieser Zeit noch nicht auf die Einwirkung des Lichtes, sondern andere Einflüsse zurückgeführt. Unter den lichtempfindlichen Stoffen spielten die Silbersalze für die Entwicklung der Fotografie die größte Rolle. Bereits um 1667 hatte der berühmte englische Naturforscher Robert Boyle die Schwärzung des weißen Chlorsilbers beobachtet. Schrieb er die Beobachtung noch dem Einfluss der Luft zu, so konnte der deutsche Anatomieprofessor Johann H. Schulze 1727 erstmals experimentell die Lichtempfindlichkeit der Silbersalze als eigentliche Ursache für die Schwärzung nachweisen. Um 1797 begann sich auch der britische Chemiestudent Thomas Wedgwood
für die lichtempfindlichen Stoffe zu interessieren. Er fand heraus,
dass er die Lichtempfindlichkeit von Papier verbessern konnte, indem er
es mit einer Silbernitratlösung bestrich. Auf diese Weise entwickelte
er eine Methode, Kontaktkopien ohne eine Kamera herzustellen. Hierzu legte
er flache Gegenstände, wie zum Beispiel Blätter oder Insektenflügel
auf das mit Silbernitrat behandelte Papier und setzte es der Sonne aus.
Das Papier schwärzte sich daraufhin an allen Stellen, an denen das
Licht nicht durch die aufgelegten Gegenstände abgehalten wurde. Doch
Wedgwood gelang es nicht, die Lichtzeichnungen dauerhaft zu fixieren und
so verschwanden die Aufnahmen bereits nach wenigen Minuten. Von der Heliographie zur Daguerreotypie
Da er keinen Weg fand, die Aufnahmen haltbar zu machen, experimentierte Nicéphore Nièpce in den folgenden Jahren mit verschiedenen alternativen Trägermaterialien. Nach zahlreichen vergeblichen Versuchen kam er auf die Verwendung von Asphalt als lichtempfindliche Schicht. Im Sommer 1826 gelang es Nièpce, den Blick aus seinem Arbeitsfenster auf einer mit Asphalt beschichteten Zinnplatte festzuhalten.
Die jahrelangen Experimente und der nicht absehbare wirtschaftliche Erfolg seiner Entdeckungen verzehrten allmählich Nièpces gesamtes Vermögen. Da Nièpce darüber hinaus auch keine entscheidende Reduzierung der Belichtungszeiten gelang, suchte er nach einem geschäftstüchtigen Partner, mit dessen Hilfe er sein Verfahren verbessern könnte. Über den Optiker Chevalier erfuhr Nièpce, dass der Theatermaler Louis Jacques Mandé Daguerre sich ebenfalls mit der Fixierung von Bildern der Camera obscura beschäftigte. Daguerre war ein erfolgreicher Geschäftsmann, der es insbesondere als Besitzer eines Dioramas bereits zu einigem Wohlstand gebracht hatte. Seinen fotografischen Versuchen war allerdings lange Zeit kein großer Erfolg beschieden. Schon 1827 hatte Daguerre Briefkontakt mit Nièpce aufgenommen,
um ihm eine Partnerschaft vorzuschlagen. Doch Nièpce versuchte
zunächst, seine Erfindung alleine bekannt zu machen und bemühte
sich um einen Vortrag vor der Royal Society in London. Nachdem jedoch
all seine Bemühungen gescheitert waren, kam er 1829 auf das Angebot
Daguerres zurück. Am 14. Dezember 1829 unterschrieben Nièpce
und Daguerre einen Vertrag über eine gemeinsame Zusammenarbeit. Die
Dauer dieser Interessengemeinschaft wurde auf zehn Jahre festgelegt, alle
aus der Partnerschaft erwirtschafteten Erträge sollten geteilt werden.
Außerdem sollten alle Entdeckungen dem Vertragspartner zugänglich
gemacht werden.
1831 berichtete Daguerre seinem Partner erstmals von einer Beobachtung, die sich später als entscheidend für die Vervollkommnung des Verfahrens erweisen sollte. Nach eingehenden Experimenten mit verschiedenen lichtempfindlichen Stoffen, fand Daguerre heraus, dass sich Silberjodid in besonderem Maße für die Herstellung von Heliographien eignete. Er schlug Nièpce deshalb vor, seine asphaltbeschichteten Zinnplatten durch mit Jod behandelte Silberplatten zu ersetzen und in dieser Richtung weiter zu forschen. Doch bereits 1833 starb Nicéphore Nièpce an einem Schlaganfall, ohne dass die Kooperation mit Daguerre eine entscheidende Verbesserung seines fotografischen Verfahrens ergeben hätte. Der wesentliche Schritt zu einem vollkommenen fotografischen Verfahren gelang Daguerre im Jahre 1835. Vermutlich durch einen Zufall fand er heraus, dass auf der belichteten Jodsilberplatte ein latentes aber noch nicht sichtbares Bild vorhanden ist, das durch die Behandlung mit Quecksilberdämpfen entwickelt werden kann. Auf diese Weise konnte Daguerre die Belichtungszeit von Stunden auf Minuten reduzieren. Allerdings gelang es ihm erst 1837, die Aufnahmen in einer Kochsalzlösung zu fixieren. Einer praktischen Anwendung der Heliographie stand damit nichts mehr im Wege und so machte sich der eifrige Geschäftsmann Daguerre sogleich an die Vermarktung seiner Erfindung, die er auf den Namen Daguerreotypie' taufte. Doch es gelang ihm zunächst nicht, die Rechte an seinem Verfahren gewinnbringend zu verkaufen. Das hängt damit zusammen, dass noch große Unsicherheit in der Gesellschaft herrschte was den praktischen Nutzen der Fotografie angeht. Im Gegensatz zu anderen technischen Neuerungen, die zur gleichen Zeit, im Zuge der voranschreitenden Industrialisierung, das Leben und die Umwelt der Menschen veränderten und einen enormen Beschleunigungsprozess in Gang setzten - man denke zum Beispiel an die Eisenbahn und die Telegrafie - wurde die Fotografie in erster Linie als künstlerisches Verfahren betrachtet und stieß so zunächst auf wenig Interesse bei den potentiellen Geldgebern. Das änderte sich erst nach der berühmten Rede François Aragos vor der Pariser Acadèmie des Sciences im Januar 1839. In Arago fand Daguerre einen mächtigen Fürsprecher, der als Mitglied der Akademie und einflussreicher Parlamentarier über eine enorme Reputation verfügte. Seinen Bemühungen haben es Daguerre und Isidore Nièpce, der als Erbe seines Vaters Nicéphore in den Partnerschaftsvertrag eingetreten war, zu verdanken, dass die Französische Regierung die Rechte an der Erfindung ankaufte und ihnen eine lebenslange Rente bewilligte. Nach der Vorführung des optischen Telegraphensystems der Gebrüder Chappe vor der Nationalversammlung im Jahre 1792, nimmt sich hiermit zum zweiten Mal in der Geschichte eine Regierung einer technischen Erfindung an. Diesmal standen allerdings nicht militärische Überlegungen im Vordergrund, sondern das Interesse des aufstrebenden Bürgertums an industriellen Entwicklungen und technischem Fortschritt. Als Geschenk Frankreichs an die ganze Welt wurden am 19. August 1839 alle Einzelheiten der Erfindung der neugierigen Öffentlichkeit präsentiert. Die Vergesellschaftung und allgemeine Verbreitung der Daguerreotypie wurde durch den staatlichen Eingriff erheblich erleichtert, da sie der Öffentlichkeit frei zugänglich war und keine Patentrechte beachtet werden mussten. Die allgemeine Begeisterung in Frankreich wirkte sich auch auf die Nachbarländer aus, wo die Dageuerreotypie ebenso interessiert aufgenommen wurde. Dem häufig geäußerten Vorwurf, Daguerre habe die Erfindung Nièpces gestohlen und unter seinem Namen gewinnbringend vermarktet, ist entgegenzuhalten, dass sich sein Verfahren grundlegend von Nièpces Heliographie unterschied. Grundlegend für die Daguerreotypie war seine Entdeckung des latenten Bildes auf der Jodsilberplatte, die Nièpce noch nicht bewusst war. Auch die Entwicklung und Fixierung der Aufnahme durch Quecksilberdämpfe und die Behandlung in einer Kochsalzlösung sind sein Verdienst. Als besonders großzügig ist ihm darüber hinaus zugute zu halten, dass er nach dem Tod Nicéphores einen weiteren Partnerschaftsvertrag mit dessen Sohn Isedore schloss, der ihm bei der Weiterentwicklung des Verfahrens in keiner Weise behilflich sein konnte und diesem so eine stattliche Leibesrente sicherte.
Das lichtempfindlich gemachte Papier brachte Talbot daraufhin auch in kleinen Kamerakästen an. 1835 erzielt er nach mehreren Stunden Belichtungszeit die ersten Negativ-Aufnahmen seines Landsitzes Lacock Abbey'. Obwohl diese Negative noch sehr klein und unbefriedigend waren, bildeten sie die Grundlage für alle späteren Negativ-Positiv-Verfahren, die eine Reproduzierbarkeit der Fotografien erst ermöglichten. Da er an dieser Stelle zunächst keine Verbesserungen erzielen konnte
und darüber hinaus als Universalgelehrter und Mitglied der Royal
Society mit einer ganzen Reihe von Forschungen auf anderen wissenschaftlichen
Gebieten befasst war, ließ er die Versuche in diesem frühen
Stadium erst einmal ruhen, um sich seinen anderen Interessengebieten zu
widmen. Trotz der scheinbaren Übermächtigkeit und der rasch wachsenden Popularität der Daguerreotypie, hielt Talbot an seinem Negativ-Positiv-Verfahren fest und arbeitete nun gezielt an einer Verbesserung dieses Verfahrens. Im Gegensatz zu Daguerre ging es Talbot bei seinen Versuchen praktisch von Beginn an darum, die Reproduzierbarkeit der Fotografien zu ermöglichen. 1841 hatte er durch die Verwendung eines lichtempfindlicheren Papiers in Verbindung mit einer neuen Entwicklungsmethode erstmals eine Möglichkeit gefunden, dass latente Bild zu entwickeln. Hiermit erzielte er sofort achtbare Ergebnisse, die zudem nur wenige Sekunden Belichtungszeit benötigten. Das Verfahren ließ er sich unter dem Namen Kalotypie' patentieren. Die Verwendung von Papier als Trägermaterial ermöglichte eine sehr viel günstigere Herstellung von Fotografien als es noch mit den teuren Kupferplatten bei der Daguerreotypie der Fall war. Auch waren die für die Entwicklung notwendigen chemischen Prozesse weitaus weniger komplex und gesundheitsschädlich. Doch trotz dieser offensichtlichen Vorteile konnten sich die Kalotypien zunächst nicht gegen die Daguerreotypien durchsetzen. Der Grund hierfür lag in erster Linie in dem ästhetischen Eindruck der Aufnahmen. Die Fotografien auf Papier wiesen nicht die gleiche Brillanz und Schärfe auf wie die auf den Kupferplatten erstellten Daguerreotypien. Dass die Daguerreotypien nicht vervielfältigt werden konnten, wurde zunächst auch nicht als Nachteil angesehen. Der künstlerische Wert der Bilder schien im Gegenteil dadurch zu steigen, dass es sich bei den Aufnahmen um Unikate handelte. Talbot selbst versuchte, die Qualität seiner Papieraufnahmen zu verbessern, indem er die Negative mit Bienenwachs behandelte. Hierdurch wurden die Bilder etwas transparenter aber eine wirklich deutliche Verbesserung in der Negativ-Positiv-Fotografie gelang erst 1851 Frederick Scott Archer mit der Entwicklung des "nassen Kollodiumverfahrens". Erst durch das Kollodiumverfahren wurde die Daguerreotypie in den 50er Jahren allmählich verdrängt und die Papierfotografie setzte sich allgemein durch. Auch wenn es Daguerres Verdienst war, 1839 das erste brauchbare Verfahren
zu präsentieren, mit dem vollkommene Bilder möglich waren, ist
William Henry Fox Talbot heute als endgültiger Erfinder der Fotografie
anerkannt. Erst durch das von ihm entwickelte Negativ-Positiv-Verfahren
wurde eine reproduzierbare Fotografie und die Massenherstellung von Abzügen
wie wir sie heute kennen ermöglicht. In den Jahren nach der Patentierung
der Kalotypie beschäftigte er sich hauptsächlich mit verschiedenen
fotografischen Experimenten und wurde zum ersten Theoretiker des neuen
Mediums. Zwischen 1844 und 1846 publizierte er mit seinem sechsbändigen
Werk "The Pencil Of Nature" die ersten fotografisch illustrierten
Bücher. Baatz Wilfried: Geschichte der Fotografie. Köln (DuMont Buchverlag) 1997. (= DuMont-Taschenbücher. 509: DuMont-Schnellkurs.) Baier, Wolfgang: Geschichte der Fotografie. Quellendarstellungen zur Geschichte der Fotografie. Leipzig (VEB Fotokinoverlag) 1977. Newhall, Beaumont: Die Väter der Fotografie. Anatomie einer Erfindung. Seebruck am Chiemsee (Heering Verlag) 1978. (= Neue Fotothek)
http://www.daguerre.org/home.html http://www.r-cube.co.uk/fox-talbot/index.html
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