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Einführung in die Fotografiegeschichte

von Thorsten Radermacher


In der Mediengeschichte gibt es in der Regel keine Einzelerfinder - Johannes Gutenberg mag als die berühmte Ausnahme gelten, die die Regel bestätigt. Auch die Fotografie kann nicht einem Einzelnen zugeschrieben werden. Zeitgleich arbeiteten eine ganze Reihe von Tüftlern und Bastlern in allen Teilen der Welt an ihrer Entwicklung. Teilweise wirkten die Ergebnisse ihrer Experimente zusammen, zum Teil wussten sie nichts voneinander. So gab es parallele Entdeckungen in den Bereichen der Physik und Chemie, die eine grundlegende Voraussetzung für die Fixierung von Aufnahmen auf einem Trägermaterial waren. Waren diese beiden Forschungsbereiche lange Zeit voneinander isoliert betrachtet worden, so kamen die Pioniere der Fotografie erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf die Idee, ihre Erkenntnisse zu kombinieren. Erst dieses Zusammenspiel von optischen Geräten und chemischen Verfahren ermöglichte eine Aufnahme und Speicherung naturgetreuer Abbildungen.

Wenn wir heute die Geburtstunde der Fotografie in erster Linie mit der Entwicklung des Negativ-Positiv-Verfahrens von William Henry Fox Talbot im Jahre 1841 in Verbindung bringen, sollten wir uns deshalb der Leistungen der zahlreichen Pioniere bewusst sein, ohne die die Entwicklung der Fotografie nicht möglich gewesen wäre.

Frühgeschichte der Fotografie

Schon seit frühester Zeit ist es ein Wunschtraum des Menschen, das Flüchtige und Vergängliche im Bild festzuhalten. Besonders sein eigenes Spiegelbild und die Wiedergabe des menschlichen Antlitzes im Bild hatten für den frühen Menschen etwas Faszinierendes, teilweise auch ins Unheimliche Führendes an sich.

Eine wichtige Voraussetzung für die spätere Erfindung der Fotografie war bereits den alten Griechen durch die "Physik" des Aristoteles bekannt und wurde von dem arabischen Gelehrten Ibn Al-Haitham erstmals zu Beginn des 11. Jahrhunderts ausführlich beschrieben. Die Camera obscura beruht auf dem Prinzip, dass Licht, das durch ein kleines Loch in eine abgedunkelte Kammer fällt, ein seitenverkehrtes Abbild der Natur auf eine gegenüberliegende transparente Wand projiziert. Diese Konturen konnten dann von Hand nachgezeichnet werden.

Seit der Renaissance haben sich Künstler die Camera obscura als Zeichenhilfe zunutze gemacht. Die ersten Konstruktionen waren noch große und unbewegliche Kammern, die die Zeichner betreten konnten, um die im Inneren projizierten Naturabbilder zu kopieren. Ende des 17. Jahrhunderts wurden erstmals kleine tragbare Modelle konstruiert, die es ermöglichten, die Kamera an verschiedenen Orten zu verwenden.

Künstler mit Camera obscuraDie Camera obscura erfreute sich lange Zeit größter Beliebtheit in Künstlerkreisen. So soll beispielsweise Johann Wolfgang von Goethe sie als Zeichenhilfe auf seinen Reisen eingesetzt haben. Besonders fasziniert waren die Künstler von dem Gedanken, dass sich die Natur auf der Rückwand der Camera obscura sozusagen selbst darstellte. Doch letztlich war die Camera obscura nur ein Hilfsmittel der eigenständigen schöpferischen Arbeit der Maler und Zeichner, die die auf die Rückwand projizierten Naturumrisse weiterhin von Hand nachziehen mussten.

Schon im Altertum waren verschiedene Stoffe bekannt, die ihre Beschaffenheit, z. B. in der Farbe unter intensiver Sonneneinwirkung änderten. Allerdings wurde die Veränderung zu dieser Zeit noch nicht auf die Einwirkung des Lichtes, sondern andere Einflüsse zurückgeführt. Unter den lichtempfindlichen Stoffen spielten die Silbersalze für die Entwicklung der Fotografie die größte Rolle. Bereits um 1667 hatte der berühmte englische Naturforscher Robert Boyle die Schwärzung des weißen Chlorsilbers beobachtet. Schrieb er die Beobachtung noch dem Einfluss der Luft zu, so konnte der deutsche Anatomieprofessor Johann H. Schulze 1727 erstmals experimentell die Lichtempfindlichkeit der Silbersalze als eigentliche Ursache für die Schwärzung nachweisen.

Um 1797 begann sich auch der britische Chemiestudent Thomas Wedgwood für die lichtempfindlichen Stoffe zu interessieren. Er fand heraus, dass er die Lichtempfindlichkeit von Papier verbessern konnte, indem er es mit einer Silbernitratlösung bestrich. Auf diese Weise entwickelte er eine Methode, Kontaktkopien ohne eine Kamera herzustellen. Hierzu legte er flache Gegenstände, wie zum Beispiel Blätter oder Insektenflügel auf das mit Silbernitrat behandelte Papier und setzte es der Sonne aus. Das Papier schwärzte sich daraufhin an allen Stellen, an denen das Licht nicht durch die aufgelegten Gegenstände abgehalten wurde. Doch Wedgwood gelang es nicht, die Lichtzeichnungen dauerhaft zu fixieren und so verschwanden die Aufnahmen bereits nach wenigen Minuten.

Von der Heliographie zur Daguerreotypie

Joseph Nicéphore NièpceOhne von den Experimenten Wedgwoods zu wissen, beschäftigten sich seit etwa 1812 auch in Frankreich Joseph Nicéphore Nièpce und sein Bruder Claude mit dem Problem, die Lichtempfindlichkeit der Silbersalze für die Fixierung von Naturabbildern zu nutzen. Im Gegensatz zu Wedgwood arbeiteten sie allerdings von Beginn an mit einer Camera obscura, deren Abbilder sie auf fotochemischen Wege verbessern wollten. Als Trägermaterial benutzten sie zunächst Papier, das sie mit Silberchlorid lichtempfindlich gemacht hatten. 1816 gelangen Nicéphore Nièpce die erste Aufnahmen. Diese waren allerdings ebenso wenig dauerhaft lichtbeständig wie Wedgwoods Kotaktkopien und außerdem negativ und seitenverkehrt. Die Belichtungszeit dauerte fast einen ganzen Tag.

Da er keinen Weg fand, die Aufnahmen haltbar zu machen, experimentierte Nicéphore Nièpce in den folgenden Jahren mit verschiedenen alternativen Trägermaterialien. Nach zahlreichen vergeblichen Versuchen kam er auf die Verwendung von Asphalt als lichtempfindliche Schicht. Im Sommer 1826 gelang es Nièpce, den Blick aus seinem Arbeitsfenster auf einer mit Asphalt beschichteten Zinnplatte festzuhalten.

Nièpces erste HeliographieNièpce nannte sein Verfahren, mit dessen Hilfe er die ersten fotografischen Aufnahmen in der Camera obscura machen konnte, ‚Heliographie'. Doch die asphaltbeschichteten Zinnplatten erwiesen sich als zu wenig lichtempfindlich, so dass sie für eine allgemeine Verwendung noch nicht zu gebrauchen waren. Die Belichtungszeit der ersten Heliographien betrug noch etwa acht Stunden, eine Abbildung von Menschen oder sich bewegenden Objekten war also noch nicht möglich.

Die jahrelangen Experimente und der nicht absehbare wirtschaftliche Erfolg seiner Entdeckungen verzehrten allmählich Nièpces gesamtes Vermögen. Da Nièpce darüber hinaus auch keine entscheidende Reduzierung der Belichtungszeiten gelang, suchte er nach einem geschäftstüchtigen Partner, mit dessen Hilfe er sein Verfahren verbessern könnte. Über den Optiker Chevalier erfuhr Nièpce, dass der Theatermaler Louis Jacques Mandé Daguerre sich ebenfalls mit der Fixierung von Bildern der Camera obscura beschäftigte. Daguerre war ein erfolgreicher Geschäftsmann, der es insbesondere als Besitzer eines Dioramas bereits zu einigem Wohlstand gebracht hatte. Seinen fotografischen Versuchen war allerdings lange Zeit kein großer Erfolg beschieden.

Schon 1827 hatte Daguerre Briefkontakt mit Nièpce aufgenommen, um ihm eine Partnerschaft vorzuschlagen. Doch Nièpce versuchte zunächst, seine Erfindung alleine bekannt zu machen und bemühte sich um einen Vortrag vor der Royal Society in London. Nachdem jedoch all seine Bemühungen gescheitert waren, kam er 1829 auf das Angebot Daguerres zurück. Am 14. Dezember 1829 unterschrieben Nièpce und Daguerre einen Vertrag über eine gemeinsame Zusammenarbeit. Die Dauer dieser Interessengemeinschaft wurde auf zehn Jahre festgelegt, alle aus der Partnerschaft erwirtschafteten Erträge sollten geteilt werden. Außerdem sollten alle Entdeckungen dem Vertragspartner zugänglich gemacht werden.
Nach der Vertragsunterzeichnung vollzog sich die Partnerschaft zwischen Nièpce und Daguerre ausschließlich in schriftlicher Korrespondenz. Sie haben sich nie wieder persönlich getroffen.

Louis Jacques Mandé DaguerreIn Daguerre fand Nièpce einen tatkräftigen und geschäftstüchtigen Helfer. Er war nun nicht länger auf sich allein gestellt, sondern konnte sich mit seinem Geschäftspartner austauschen und seine Erkenntnisse mit ihm besprechen. Die Briefkorrespondenz lief sehr geheimnisvoll mittels eines von Daguerre erdachten, einfachen Chiffriersystems ab. Man befürchtete, die Briefe könnten geöffnet und die fotografischen Entdeckungen von Dritten vermarktet werden.

1831 berichtete Daguerre seinem Partner erstmals von einer Beobachtung, die sich später als entscheidend für die Vervollkommnung des Verfahrens erweisen sollte. Nach eingehenden Experimenten mit verschiedenen lichtempfindlichen Stoffen, fand Daguerre heraus, dass sich Silberjodid in besonderem Maße für die Herstellung von Heliographien eignete. Er schlug Nièpce deshalb vor, seine asphaltbeschichteten Zinnplatten durch mit Jod behandelte Silberplatten zu ersetzen und in dieser Richtung weiter zu forschen. Doch bereits 1833 starb Nicéphore Nièpce an einem Schlaganfall, ohne dass die Kooperation mit Daguerre eine entscheidende Verbesserung seines fotografischen Verfahrens ergeben hätte.

Der wesentliche Schritt zu einem vollkommenen fotografischen Verfahren gelang Daguerre im Jahre 1835. Vermutlich durch einen Zufall fand er heraus, dass auf der belichteten Jodsilberplatte ein latentes aber noch nicht sichtbares Bild vorhanden ist, das durch die Behandlung mit Quecksilberdämpfen entwickelt werden kann. Auf diese Weise konnte Daguerre die Belichtungszeit von Stunden auf Minuten reduzieren. Allerdings gelang es ihm erst 1837, die Aufnahmen in einer Kochsalzlösung zu fixieren. Einer praktischen Anwendung der Heliographie stand damit nichts mehr im Wege und so machte sich der eifrige Geschäftsmann Daguerre sogleich an die Vermarktung seiner Erfindung, die er auf den Namen ‚Daguerreotypie' taufte. Doch es gelang ihm zunächst nicht, die Rechte an seinem Verfahren gewinnbringend zu verkaufen. Das hängt damit zusammen, dass noch große Unsicherheit in der Gesellschaft herrschte was den praktischen Nutzen der Fotografie angeht. Im Gegensatz zu anderen technischen Neuerungen, die zur gleichen Zeit, im Zuge der voranschreitenden Industrialisierung, das Leben und die Umwelt der Menschen veränderten und einen enormen Beschleunigungsprozess in Gang setzten - man denke zum Beispiel an die Eisenbahn und die Telegrafie - wurde die Fotografie in erster Linie als künstlerisches Verfahren betrachtet und stieß so zunächst auf wenig Interesse bei den potentiellen Geldgebern.

Das änderte sich erst nach der berühmten Rede François Aragos vor der Pariser Acadèmie des Sciences im Januar 1839. In Arago fand Daguerre einen mächtigen Fürsprecher, der als Mitglied der Akademie und einflussreicher Parlamentarier über eine enorme Reputation verfügte. Seinen Bemühungen haben es Daguerre und Isidore Nièpce, der als Erbe seines Vaters Nicéphore in den Partnerschaftsvertrag eingetreten war, zu verdanken, dass die Französische Regierung die Rechte an der Erfindung ankaufte und ihnen eine lebenslange Rente bewilligte.

Nach der Vorführung des optischen Telegraphensystems der Gebrüder Chappe vor der Nationalversammlung im Jahre 1792, nimmt sich hiermit zum zweiten Mal in der Geschichte eine Regierung einer technischen Erfindung an. Diesmal standen allerdings nicht militärische Überlegungen im Vordergrund, sondern das Interesse des aufstrebenden Bürgertums an industriellen Entwicklungen und technischem Fortschritt. Als Geschenk Frankreichs an die ganze Welt wurden am 19. August 1839 alle Einzelheiten der Erfindung der neugierigen Öffentlichkeit präsentiert. Die Vergesellschaftung und allgemeine Verbreitung der Daguerreotypie wurde durch den staatlichen Eingriff erheblich erleichtert, da sie der Öffentlichkeit frei zugänglich war und keine Patentrechte beachtet werden mussten. Die allgemeine Begeisterung in Frankreich wirkte sich auch auf die Nachbarländer aus, wo die Dageuerreotypie ebenso interessiert aufgenommen wurde.

Dem häufig geäußerten Vorwurf, Daguerre habe die Erfindung Nièpces gestohlen und unter seinem Namen gewinnbringend vermarktet, ist entgegenzuhalten, dass sich sein Verfahren grundlegend von Nièpces Heliographie unterschied. Grundlegend für die Daguerreotypie war seine Entdeckung des latenten Bildes auf der Jodsilberplatte, die Nièpce noch nicht bewusst war. Auch die Entwicklung und Fixierung der Aufnahme durch Quecksilberdämpfe und die Behandlung in einer Kochsalzlösung sind sein Verdienst. Als besonders großzügig ist ihm darüber hinaus zugute zu halten, dass er nach dem Tod Nicéphores einen weiteren Partnerschaftsvertrag mit dessen Sohn Isedore schloss, der ihm bei der Weiterentwicklung des Verfahrens in keiner Weise behilflich sein konnte und diesem so eine stattliche Leibesrente sicherte.

Eine frühe Daguerreotypie-KameraDie rasche weltweite Verbreitung der Einzelheiten der Daguerreotypie, die durch die Presse und zahlreiche weitere Publikationen vorangetrieben wurde, weckten bald das Interesse der Bevölkerung an der Fotografie. Die Daguerreotypiekameras entwickelten sich zu Verkaufsschlagern und Tausende setzten sich mit den faszinierenden Möglichkeiten der Erfindung auseinander. Besonders die kaum verbesserungsbedürftige Qualität der Aufnahmen begeisterten das Publikum und verhalfen der Daguerreotypie zu einer schnellen Verbreitung und allgemeiner Beliebtheit. Hierbei ist allerdings anzumerken, dass jede Daguerreotypie ein Unikat war und noch nicht reproduziert werden konnte.


Die Erfindung der Fotografie

William Henry Fox TalbotSeit einer Italienreise im Jahre 1833 hatte sich auch der britische Universalgelehrte William Henry Fox Talbot mit der Wiedergabe von Natureindrücken auf der Camera obscura befasst. Besonders sein mangelhaftes zeichnerisches Talent veranlassten ihn dazu, sich intensiver mit fotografischen Experimenten zu beschäftigen. Zunächst legte er flache Objekte (vor allem Pflanzenblätter) auf ein mit Silbernitrat behandeltes Papier. Setzte er das Papier der Sonne aus, so zeichneten sich die Gegenstände als helle Schatten darauf ab. Da Talbot nichts von den Versuchen wusste, die Thomas Wedgwood bereits um die Jahrhundertwende durchgeführt hatte, hatte er auf diese Weise ein Verfahren entwickelt, das mit Wedgwoods Kontaktkopien identisch war. Allerdings gelang es ihm, seine ‚fotogenischen Zeichnungen' in einer Kochsalzlösung zu fixieren.

Das lichtempfindlich gemachte Papier brachte Talbot daraufhin auch in kleinen Kamerakästen an. 1835 erzielt er nach mehreren Stunden Belichtungszeit die ersten Negativ-Aufnahmen seines Landsitzes ‚Lacock Abbey'. Obwohl diese Negative noch sehr klein und unbefriedigend waren, bildeten sie die Grundlage für alle späteren Negativ-Positiv-Verfahren, die eine Reproduzierbarkeit der Fotografien erst ermöglichten.

Da er an dieser Stelle zunächst keine Verbesserungen erzielen konnte und darüber hinaus als Universalgelehrter und Mitglied der Royal Society mit einer ganzen Reihe von Forschungen auf anderen wissenschaftlichen Gebieten befasst war, ließ er die Versuche in diesem frühen Stadium erst einmal ruhen, um sich seinen anderen Interessengebieten zu widmen.
Erst 1839, nachdem die Pariser Akademie die Daguerreotypie publiziert hatte, begann Talbot, der von der Erfindung absolut überrascht gewesen sein muss, seine fotografischen Experimente fortzuführen. Hastig meldete er seine Prioriätsansprüche für das Festhalten von Bildern mit Hilfe der Camera obscura und die anschließende Fixierung der Aufnahmen an. Da er die Ergebnisse seiner Untersuchungen aber nie veröffentlicht hatte, konnte er seine Patentansprüche nicht durchsetzen.

Trotz der scheinbaren Übermächtigkeit und der rasch wachsenden Popularität der Daguerreotypie, hielt Talbot an seinem Negativ-Positiv-Verfahren fest und arbeitete nun gezielt an einer Verbesserung dieses Verfahrens. Im Gegensatz zu Daguerre ging es Talbot bei seinen Versuchen praktisch von Beginn an darum, die Reproduzierbarkeit der Fotografien zu ermöglichen. 1841 hatte er durch die Verwendung eines lichtempfindlicheren Papiers in Verbindung mit einer neuen Entwicklungsmethode erstmals eine Möglichkeit gefunden, dass latente Bild zu entwickeln. Hiermit erzielte er sofort achtbare Ergebnisse, die zudem nur wenige Sekunden Belichtungszeit benötigten. Das Verfahren ließ er sich unter dem Namen ‚Kalotypie' patentieren.

Die Verwendung von Papier als Trägermaterial ermöglichte eine sehr viel günstigere Herstellung von Fotografien als es noch mit den teuren Kupferplatten bei der Daguerreotypie der Fall war. Auch waren die für die Entwicklung notwendigen chemischen Prozesse weitaus weniger komplex und gesundheitsschädlich. Doch trotz dieser offensichtlichen Vorteile konnten sich die Kalotypien zunächst nicht gegen die Daguerreotypien durchsetzen. Der Grund hierfür lag in erster Linie in dem ästhetischen Eindruck der Aufnahmen. Die Fotografien auf Papier wiesen nicht die gleiche Brillanz und Schärfe auf wie die auf den Kupferplatten erstellten Daguerreotypien. Dass die Daguerreotypien nicht vervielfältigt werden konnten, wurde zunächst auch nicht als Nachteil angesehen. Der künstlerische Wert der Bilder schien im Gegenteil dadurch zu steigen, dass es sich bei den Aufnahmen um Unikate handelte. Talbot selbst versuchte, die Qualität seiner Papieraufnahmen zu verbessern, indem er die Negative mit Bienenwachs behandelte. Hierdurch wurden die Bilder etwas transparenter aber eine wirklich deutliche Verbesserung in der Negativ-Positiv-Fotografie gelang erst 1851 Frederick Scott Archer mit der Entwicklung des "nassen Kollodiumverfahrens". Erst durch das Kollodiumverfahren wurde die Daguerreotypie in den 50er Jahren allmählich verdrängt und die Papierfotografie setzte sich allgemein durch.

Auch wenn es Daguerres Verdienst war, 1839 das erste brauchbare Verfahren zu präsentieren, mit dem vollkommene Bilder möglich waren, ist William Henry Fox Talbot heute als endgültiger Erfinder der Fotografie anerkannt. Erst durch das von ihm entwickelte Negativ-Positiv-Verfahren wurde eine reproduzierbare Fotografie und die Massenherstellung von Abzügen wie wir sie heute kennen ermöglicht. In den Jahren nach der Patentierung der Kalotypie beschäftigte er sich hauptsächlich mit verschiedenen fotografischen Experimenten und wurde zum ersten Theoretiker des neuen Mediums. Zwischen 1844 und 1846 publizierte er mit seinem sechsbändigen Werk "The Pencil Of Nature" die ersten fotografisch illustrierten Bücher.


Literaturverzeichnis

Baatz Wilfried: Geschichte der Fotografie. Köln (DuMont Buchverlag) 1997. (= DuMont-Taschenbücher. 509: DuMont-Schnellkurs.)

Baier, Wolfgang: Geschichte der Fotografie. Quellendarstellungen zur Geschichte der Fotografie. Leipzig (VEB Fotokinoverlag) 1977.

Newhall, Beaumont: Die Väter der Fotografie. Anatomie einer Erfindung. Seebruck am Chiemsee (Heering Verlag) 1978. (= Neue Fotothek)


Weitere Informationen im Internet

http://www.daguerre.org/home.html

http://www.r-cube.co.uk/fox-talbot/index.html