eine Hausarbeit von Wim Rögels, WS 2000/2001
Inhaltsverzeichnis:
2. Hauptteil
2.1. Ablauf der Geiselnahme
2.2. Selbstverständnis des Journalisten
2.3. Kritikpunkte der journalistischen Arbeit im Fall Gladbeck
2.3.1. Der Journalist als Teil des Ereignisses
2.3.2. Aktive Behinderung der Polizei
2.3.3. Medien als Forum für die Täter
2.3.4. Realität im Kleid der Fiktion
2.4. Gründe für die Eskalation
2.4.1. Besondere Umstände in Gladbeck
2.4.2. Mediensystematische Gründe
2.4.2.1. Ökonomisierung des Mediensystems
2.4.2.2. Technische Infrastruktur
2.4.2.3. Professionalität der Journalisten
2.4.2.4. Instrumentalisierung der Medien durch die Täter
2.5. Verantwortung der Eskalation
2.5.1. Der Journalist (Individualethik)
2.5.2. Das Mediensystem (Systemethik)
2.5.3. Der Rezipient (Publikumsethik)
2.6. Auswirkungen auf den Journalismus
2.6.1. Reflexion der Polizei
2.6.2. Reflexion im Journalismus
2.6.3. Ergänzung des Pressekodexes
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Kein anderes Ereignis in der deutschen Nachkriegsgeschichte hat die Frage nach der Moral in der Berichterstattung deutlicher hervorgebracht als die Geiselnahme von Gladbeck. Es ging zum ersten Mal um Bilder von Tätern, während des Verbrechens - unmittelbar, live und in Farbe. Durch das unglückliche Zusammenspiel von polizeilichen Nachlässigkeiten und dem Übereifer der Berichterstattenden, wurden aus Beobachtern, beeinflussende Teile des Geschehens, sogar Teile des Ereignisses selbst. Wie in einem Rausch mutierte die Chance ganz dicht dran, direkt am Geschehen zu sein, zum gesetzesverachtenden Wettbewerb nach exklusiv verwertbaren Momenten. Dabei gewannen Journalisten so sehr an Nähe zum Geschehen, dass Vernunft und Reflexion der Mittel gänzlich auf der Strecke blieben. Erst im "postkatastrophalen Kater" wurde der Zusammenhang und die Eskalation der Ereignisse deutlich. Nicht nur, dass Ermittlungsverfahren gegen Journalisten eingeleitet wurden und entsprechende Versäumnisse der Polizei offen lagen, auch wurde die Diskussion um Verantwortung und Grenzen des Journalismus selten so hitzig geführt. Im noch jungen Erbe der Barschel-Pfeiffer-Affäre und des Grubenunglücks von Borken wurde der Ruf nach Moral im Journalismus in der Öffentlichkeit unüberhörbar (1). Im Rahmen dieser Arbeit möchte ich zunächst definieren, was
der Journalist unter seiner Profession und Aufgabe versteht, um dann exemplarisch
zu beleuchten, worin Entgleisungen der journalistischen Arbeit bestanden
und Gründe aufzeigen, wie es dazu kommen konnte. Daraufhin sollen
entsprechende Ansätze vorgestellt werden, welche versuchen die Frage
nach der Verantwortung für solche Entwicklungen in den Medien zu
klären. |
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2.1 Ablauf der Geiselnahme |
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Am folgenden Tag (Mittwoch, den 17. August 1988) bringen die Täter einen vollbesetzten Linienbus in Ihre Gewalt. Journalisten sind bereits am Tatort. Die Geiselnehmer geben bereitwillig Interviews und erteilen die Erlaubnis zu Aufnahmen im Inneren des Busses. Die Komplizin Marion Löblich wird auf einer Autobahnraststätte von der Polizei überwältigt. Daraufhin erschießt Degowski den 15-jährigen Emanuele di Giorgi. Durch Vermittlungen eines Journalisten gelingt es, dass Marion Löblich wieder in den Bus zurückkehren kann (4). Im Rahmen der weiteren Verfolgung verliert ein Polizist bei einem Unfall sein Leben. Am Donnerstag, den 18. August 1988, lassen die Täter nach Überquerung der niederländischen Grenze alle Geiseln bis auf Silke Bischof und Ines Voitle frei. Die Flucht wird fortgesetzt bis in die Kölner Innenstadt, wo das Fahrzeug von Journalisten und Schaulustigen belagert wird. Ein Journalist steigt zu und führt die nicht ortskundigen Geiselnehmer aus der Stadt bis zur Autobahn (5). Nach 54 Stunden stoppt die Polizei das Fluchtfahrzeug mit Waffengewalt.
Silke Bischof kommt beim Schusswechsel ums Leben, Ines Voitle wird schwer
verletzt. |
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Um einschätzen zu können, inwieweit sich die involvierten Berichterstatter von der eigentlichen Aufgabe ihrer Tätigkeit im Rahmen der Geiselnahme von Gladbeck entfernt haben, bzw. über diese hinaus gegangen sind, muss man sich mit beruflichen Selbstverständnis des Journalismus auseinandersetzen. Schon 1930 hat der Publizist und Zeitungsforscher Otto Groth, eine für
die heutige Zeit überraschend aktuelle Definition des Journalismus
formuliert: Es wird nicht nur deutlich, dass die geforderten Grundkenntnisse mit der Fähigkeit des Lesens und Schreibens erlangt sind, auch eine soziale Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit wird angesprochen. Ein zentraler Begriff, der die Tätigkeit des Journalisten in der heutigen Mediengesellschaft (7) kennzeichnet, ist die Aktualität. Nichts ist heute so alt, wie die Nachricht von gestern. Begünstigt durch die technischen Möglichkeiten, Informationen in Echtzeit zu übertragen, ist der Faktor der Aktualität seit der Zeit, da es sich um eine rein schriftstellerischen Tätigkeit gehandelt hat, hinzugekommen. Eine neuere Definition der Tätigkeit, die auch einen Blick auf die
Berufsethik wirft, gibt uns die für Journalisten zuständige
Gewerkschaft: Mit dem angesprochenen Pressekodex' ist der Richtlinienkatalog des Deutschen Presserates, dem Selbstkontrollorgan der Presse, mit Sitz in Bonn gemeint. Die Aufgaben des deutschen Presserates umfassen neben der Entwicklung von publizistischen Grundsätzen und Richtlinien für die redaktionelle Arbeit (Pressekodex) und entsprechender Behandlung von Beschwerden über redaktionelle Veröffentlichungen und journalistische Verhaltensweisen auf Basis des Pressekodex, das Eintreten für die Pressefreiheit, die Wahrung des Ansehens der deutschen Presse, die Beseitigung von Missständen im Pressewesen und das Eintreten für den unbehinderten Zugang zu Nachrichtenquellen. Des weiteren fungiert er allgemein als Ansprechpartner für Leser, Journalisten und Verleger. Die Mitglieder des Presserates werden jeweils zur Hälfte aus Verleger- und Journalistenkreisen gestellt. Oberstes Ziel des Journalisten ist es, eine möglichst wahrheitsgetreue Darstellung der Wirklichkeit durch die Berichterstattung zu geben. (9) Zusammenfassend kann man sagen, dass der Journalist versucht die Schilderung
von gesellschaftlich relevanten Ereignissen aktuell, wahrheitsgetreu und
in einer vom Berufsethos und Gesetz zulässigen Art der Öffentlichkeit
zugänglich zu machen. Er versteht sich als "Chronist der Ereignisse"
.(10) |
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Hinsichtlich der Aktualität und Nähe der Berichterstattung zum Ereignis lässt sich grundsätzlich kein unprofessionelles Verhalten der Berichterstattenden festmachen. Doch mit der Absicht diese Kriterien möglichst perfekt zu erfüllen, sind Grenzen überschritten worden. Ich möchte nun diese Kritikpunkte an der journalistischen Arbeit exemplarisch beleuchten. 2.3.1 Der Journalist als Teil des Ereignisses Erst durch die Vermittlung des freien Journalisten Peter Meyer, gelingt es den Tätern ihre festgenommene Komplizin Marion Löblich wieder an Bord des Linienbusses zu bringen. Schon zuvor hatte sich Meyer eingebracht und versucht im Austausch gegen andere Geiseln einen Platz innerhalb des Busses zu erlangen. In der entsprechenden Meldung der dpa wird formuliert: "Den beiden Geiselnehmern gelang es mit dem Journalisten Peter Meyer als Vermittler, ihre Freundin wieder aus den Händen der Polizei freizupressen." (14) An dieser Schilderung wird überdeutlich wie hartnäckig versucht wurde in das Geschehens einzudringen, die alleinige Beobachtung der Ereignisse reichte nicht mehr aus. Ein Agenturmitarbeiter der dpa geht sogar soweit, mit einem Taxi den entführten Omnibus zu verfolgen. Die Jagd endet mit Schüssen der Täter in Richtung des Taxis, wobei der Journalist leicht verletzt wird. Nicht nur, dass der Taxifahrer vor Beginn der Fahrt nicht wusste, welche Absicht der Journalist als sein Fahrgast verfolgte, auch seine noch von den Erlebnissen gezeichnete Aussage, wurde unmittelbar für ein Interview verwertet. Schon 4 Stunden nach den Schüssen, wurde der Agenturmitarbeiter selbst zum Befragten im Rahmen eines Fernsehinterviews (15). So ist der eigentliche Chronist "Opfer" und selbst ein Teil des Ereignisses geworden. Anzumerken ist, dass zu der Zeit eben jener dpa Journalist, welcher fahrlässig nicht nur sein, sondern auch das Leben des Taxifahrers aufs Spiel gesetzt hatte, Vorsitzender des Beschwerde Ausschusses des Deutschen Presserates war. (16) Der Beschwerdeausschuss prüft Eingaben auf die Verletzung des Pressekodex hin. In diesem Regelwerk, welches sich als Berufsethos versteht, heißt es unter Punkt 4: "Bei der Beschaffung von Nachrichten, Informationsmaterial und Bildern dürfen keine unlauteren Methoden angewandt werden.". Des weiteren verhalf Udo Röbel, damals stellvertretender Chefredakteur
der Kölner Ausgabe des Boulevardblattes Express, den nicht ortskundigen
Tätern dazu, die Kölner Innenstadt nach Belagerung durch Passanten
und Journalisten zu verlassen und wieder auf die Autobahn zu gelangen.(17)
Udo Röbel wurde am 1.1.1998 Chefredakteur der Bild. (18) Als Beihilfe konnte man den oben schon erwähnten Fall des Chefredakteurs bezeichnen, welcher sich in der Kölner Innenstadt an Bord des Fluchtautos begab, um die Täter aus der Stadt zu lotsen, bezeichnen. In der Diskussion um die Behinderung der Polizei, bleibt es resümierend schwierig zu mutmaßen, inwiefern die Situation insgesamt, ohne Medien und deren übersteigerte Aufmerksamkeit zu einer 3 Tage dauernden Odyssee angewachsen wäre. Die Medienvertreter drängten sich von Beginn an nicht nur dicht an das sondern auch in das Geschehen, bis sie schließlich der Bitte Degowskis nachkamen durch die Medien sprechen zu wollen und sich so vollends zwischen Polizei und Geiselnehmer stellten und die Behörden als Verhandlungspartner obsolet werden ließen. Festgestellt werden musste allerdings auch, dass die Polizei mangelnde Erfahrung im Umgang mit solch unmittelbarer Berichterstattung noch während des Tatvorgangs aufwies, und keine klare Linie im Vorgehen gegen die Täter erkennen ließ. Nichtsdestotrotz wurde die Arbeit der Polizei durch das Verhalten der Journalisten erheblich gestört und behindert. Es wurden später verschiedene Ermittlungsverfahren wegen "Nötigung und versuchter Strafvereitelung" eröffnet, aber schließlich eingestellt. (20) 2.3.3 Medien als Forum für die Täter Später gehen die Täter soweit, die Polizei als Verhandlungspartner
zu ignorieren und nur noch mit den Medien sprechen zu wollen. Dies zeigt
überdeutlich, dass diese "Kinder des Medienzeitalters"
die Spielregeln verstanden hatten. Sie nutzten die Medien als Plattform,
die Medien sahen jedoch ihrerseits keine Veranlassung, die Geiselnehmer
an diesem Spiel zu hindern. (22) Degowski und Rösner
brauchten für ihre Ziele die Öffentlichkeit und ihnen war klar:
"Es gibt keine Öffentlichkeit mehr ohne Medien." (23) 2.3.4 Realität im Kleid der Fiktion Schon einige Zeit zuvor tauchten neue Sendeformate auf, welche die klassischen Unterscheidungskriterien zwischen ernstem (E) und unterhaltenden (U) Journalismus aufbrachen. Im noch jungen Wettbewerb der privaten mit den öffentlichrechtlichen Medienanstalten fanden Formate wie "stern tv", "explosiv" und "Schreinmakers" großen Publikumszuspruch. Siegfried Weischenberg hat sich in seinem Buch "Neues vom Tage" mit dem Untertitel "die Schreinemakerisierung unserer Medienwelt" diesem Thema ausführlich angenommen. Unter dem Schlagwort der "Schreinemakerisierung" versteht Weischenberg den Wandlungsprozess zu einem neuen TV-Journalismus hin, in dem der Unterhaltungswert der Nachricht erheblicher und der Journalist zum prominenten Showmaster wird. Der Journalist entwickelt sich vom Kopf hinter den Kulissen, zu einem Protagonisten vor der Kamera. Pointiert beschreibt Weischenberg diesen neuen Journalismus durch den Satz: "Inszenierung einer permanenten Seifenoper, die als Journalismus verkauft wird.". Er folgert weiter, dass ohne das Bewusstsein des Rezipienten der Journalismus durch Fiktion / Entertainment ersetzt würde. Das Publikum will zwar Aufklärung und Information, aber leicht konsumierbar. Die Zuschauer können sich Schicksalen mit verschwindend geringem Aufwand annehmen: Kümmern konsumieren. Die "Schreinemakerisierung" steht als Synonym für die Mediengesellschaft der 90er Jahre, die vom kommerziellen Fernsehen geprägt ist und abgegrenzte Berufsbilder (Journalist / Entertainer) mehr und mehr zusammen wachsen lässt. Aus heutiger Sicht, ist ähnlicher Boulevard-Journalismus in allen Ausprägungen und Formen keine Besonderheit mehr, haben doch auch die öffentlich-rechtlichen Sender durch Sendeformate wie "Brisant" (ARD) und "Drehscheibe Deutschland" (ZDF) verstanden, wie zeitgerechtes tägliches Infotainment funktioniert. Weischenberg vergleicht die Wahrnehmung eines solchen Journalismus mit einer Art "Wrestling Phaenomen" (25) - das Publikum weiß, dass vieles gestellt ist, aber die Mehrheit stört sich nicht daran, spielt mit und konsumiert es. Doch 1988, als sich die Ereignisse um Gladbeck zutrugen, lag der Urknall des dualen Systems (26) gerade erst 4 Jahre zurück. Eine zentrale Forderung an den guten Journalismus hat seit jeher geheißen, die Wahrheit möglichst unverfälscht, objektiv abzubilden. Bezieht man in die Betrachtung die Erkenntnisansätze der Konstruktivisten mit ein, wird schnell deutlich, dass es von diesem Standpunkt aus die unmittelbare Wahrnehmung der ontischen, also wirklichen Welt nicht geben kann. Sie geschieht ausschließlich über kognitive Prozesse, bei denen wir unsere verschiedenen Sinneseindrücke zu einem individuellen Bild der Realität vereinen. Auf den Journalismus übertragen, müssen wir uns zwangsläufig noch weiter von dem Anspruch der objektiven Wahrnehmbarkeit des Geschehens entfernen. So ist jeder Bericht und Artikel, nur die Schilderung der konstruierten Wirklichkeit des Verfassers, dessen Eindrücke wir wahrnehmen und durch Verknüpfung mit unserem Erfahrungsschatz zu einem Bild des Geschehnisses zusammensetzen. Gerade im Felde der Wahrnehmung spielt die Erfahrung und der Vergleich des Wahrgenommenen mit den Erfahrungen eine entscheidende Rolle, um zwischen Illusion und Wirklichkeit, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden (27). Gerade diese Erfahrung fehlte den Zuschauern und Lesern. "Die Wirklichkeit wurde zum Krimi" (28). Weischenberg geht in seinen Betrachtungen sogar soweit, dass er die in Neil Postmans "Wir amüsieren uns zu Tode" herausgearbeiteten Szenarien, welche eigentlich eine überspitze Betrachtung des nordamerikanischen Fernsehsystems darstellten, in absehbarer Zeit auf die Verhältnisse des deutschen Fernsehens für übertragbar hält (29). Welch bizarre Auswüchse diese Verwischung von Fiktion und Realität
annehmen kann, zeigt sich darin, dass eine Dame aufgrund der Berichterstattung
Dieter Degowski Heiratsanträge in die Zelle schickte, um Ihrem "Star"
ein wenig näher zu kommen. Mit relativem Erfolg, die geschlossene
Ehe hält 6 Monate (30). |
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"Wie konnte es soweit kommen?" - eine Frage die unausweichlich schien, in der Reflexion der Geschehnisse um Gladbeck. Eine Reduktion darauf, dass hier nur einige wenige Journalisten in ihrem Eifer über die Stränge geschlagen sind, würde der Situation nicht gerecht. Deshalb möchte ich im folgenden die Gründe herausarbeiten, wie es zu einer solchen Eskalation kommen konnte. 2.4.1 Besondere Umstände in Gladbeck So beschreibt Klaus Bresser, in seiner Bestandsaufnahme der Moral im Fernsehjournalismus, die Zurückhaltung der Polizei während der Anfänge in Gladbeck als ursächlich. Er moniert, die Polizei habe nicht wie bei Verkehrsunfällen üblich das Geschehen weiträumig abgesperrt und so hätten Journalisten diese Freiräume - "den Regeln ihre Berufes folgend" (31)- gefüllt. 1988 war Bresser noch Chefredakteur des "heute journals" (ZDF), welches nach den Geschehnissen in die Kritik geriet, da es ein Interview mit den Geiselnehmern ausgestrahlt hatte. Somit ist die angeführte Erklärung, zwar auch als Rechtfertigung für eigenes Handeln zu verstehen, entbehrt jedoch dadurch nicht der Relevanz, wie die Pressestelle der Polizei im Nachhinein einräumte. Bresser mahnt, dass die Behörden der technischen Entwicklung und Allgegenwärtigkeit der Medien Rechnung tragen müssen. (32) 2.4.2 Mediensystematische Gründe 2.4.2.1 Ökonomisierung des Mediensystems "Es gibt mehr Sendeplätze als Sendungen" bemerkt Klaus Bresser und manifestiert dabei den Druck und Zwang nach immer neueren, exklusiveren, besonderen Bildern und Geschichten. Der Kampf um die Aufmerksamkeit des Publikums wird angetrieben durch die Mechanismen der Marktwirtschaft - Erfolg und Qualität wird in Marktanteilen gemessen. Der Journalist identifiziert sich weniger mit dem Berufsbild und dessen Leitwerten, der Erfolg des eigenen Mediums wird ausschlaggebend und zentral. So ist festzustellen, dass die Konkurrenzsituation die Aufweichung der Grenzen fördert, die Grenzen, was innerhalb und was außerhalb der Normen liegt. Sei es der Pressekodex oder das Gesetz (34). "[...] die Rolle der Medien in einer modernen, wettbewerbsbestimmten Gesellschaft muss auch nüchtern erkannt werden." (35) 2.4.2.2 Technische Infrastruktur Heutzutage kaum noch verzichtbarer Charakter der meisten Dienstleistungen ist deren Echtzeitfähigkeit - sei es in der Individualkommunikation (Telefon, Fax, Email) oder auch bei den Massenmedien (Internet, pay per view). Im Rahmen des Journalismus hat die Aktualität weiter an Bedeutung zu-, die Halbwertszeit von Informationen und Nachrichten abgenommen. Zwar war 1988 die Echtzeitmanie' noch nicht so ausgeprägt wie heute, aber Live-Schaltungen in Radio und Fernsehen durchaus schon üblich. Potentiell jede Sendung konnte live' gesendet werden und so an Echtheit, an vermeintlicher Authentizität gewinnen. Bevor das schon erwähnte ZDF-Interview der Geiselnehmer ausgestrahlt wurde, kündigte der damalige Redakteur und Moderator einen Beitrag an, dessen Inhalt er nicht kennen, dessen Validität er nicht überprüfen konnte. Durch die unmittelbare Ausstrahlung, bzw. Weitergabe an die Öffentlichkeit konnte keinerlei redaktionelle Reflexion oder Prüfung mehr stattfinden, das Problem bestand in der Gleichzeitigkeit von Geschehen und Berichten. 2.4.2.3 Professionalität der Journalisten 2.4.2.4 Instrumentalisierung der Medien durch die Täter |
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Gerade durch Ereignisse wie in Gladbeck wird der Ruf von allen Seiten
nach Normen und Regelkatalogen laut, um solch eine Zuspitzung in Zukunft
zu verhindern. Begrenzt man die Verantwortung jedoch ausschließlich
auf den Journalisten vor Ort, würden viele Faktoren außer Acht
gelassen. In der Journalismusforschung - insbesondere bei Weischenbergs
Ausführungen - wird versucht journalistische Spielregeln zu benennen
und systematisch auszubauen. 2.5.1 Der Journalist (Individualethik) 2.5.2 Das Mediensystem (Systemethik) 2.5.3 Der Rezipient (Publikumsethik) |
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Auch wenn sich viele Beobachter wesentlich drastischere Folgen gewünscht hätten, so sind doch einige Schlüsse aus den Erfahrungen in Gladbeck gezogen worden. Dies geschah nicht ausschließlich aufgrund des entstandenen Druckes der öffentlichen Diskussion, sondern auch durch die Einsicht der Beteiligten. 2.6.1 Reflexion der Polizei In der konkreten Polizeiarbeit wurde bei ähnlichen Fällen versucht die Öffentlichkeit zeitweise auszuschließen. Dies geschah nicht zwingend durch eine rigorose Nachrichtensperre, sondern vielmehr durch ein Stillhalteabkommen, welches im Einvernehmen mit den Medien geschlossen wurde. Beispiele hierfür sind neben der Entführung des Dennis Mook 1988 in Bremen, die Entführung eines Linienbusses 1989 in Hamburg sowie die Reemtsma Entführung 1996 in Hamburg, bei denen sich die Medien geschlossen zurückgehalten hatten um keine Menschenleben zu gefährden. (38) Einen Schritt weiter gehen Beamte im Juni 2000, als ein Kidnapper einen Kindergarten besetzte und Kinder und Erzieherinnen als Geiseln nahm. In diesem Fall drangen Polizeibeamte als RTL Kamerateam verkleidet zum Täter vor und konnten ihn durch einen gezielten Kopfschuß, aus einem als Kamera getarnten Gewehr, stoppen. (39) 2.6.2 Reflexion im Journalismus Auch Bresser kommt zu der Einsicht, dass die Aufgabe der Polizei, schwere Straftaten zu verhindern eine höhere Priorität hat, als die Aufgabe der Presse, die Öffentlichkeit unmittelbar und umfassend zu informieren. Er resümiert diesen Gedanken in dem Satz: "Der Schutz des Lebens ist wichtiger als die Freiheit der Presse" (41). Auch das ZDF veröffentlichte 1989 in einem Branchenblatt mit den "Zehn Grundregeln für die Berichterstattung über Gewalt und Katastrophen" (42) einen Leitfaden zur Vermeidung der gemachten Fehler. 1998 greifen verschiedene Medien das Thema Gladbeck noch einmal auf, um die gemachten Erfahrungen der Öffentlichkeit und vor allem den Medienschaffenden ein weiteres Mal ins Gedächtnis zu rufen. Die Neue Rhein Zeitung interviewte am 11.8.1998 den Fernsehjournalisten Günter Ollendorf, welcher einer der Fernsehjournalisten war, welche Rösner vor dem Bus interviewt hatten. Er geht davon aus, dass die Situation heutzutage nicht nur ähnlich verlaufen würde, sondern sieht eine weitere Steigerung: "27 Kamerateams würden den Gangstern folgen. Das liegt an der Konkurrenzsituation, die durch die privaten Anbieter entstanden ist." Auch zitiert das Blatt eine 1989 vorgelegte Befragung von rund 140 Redakteuren. Danach hätten sich 96 Prozent dafür ausgesprochen, das Verhalten der Gladbeck-Reporter als lebensgefährlich für die Geiseln herauszustellen. (43) Sprecherin der Journalistinnen und Journalisten in der IG Medien, Franziska Hundseder, mahnt in einer Pressemitteilung vom 10.8.1998, dass "[...] ethische Aspekte in der journalistischen Ausbildung ein viel stärkeres Gewicht haben müssen als bisher, "damit Menschenwürde und Humanität nicht vor Sensationsgier und Erfolgsorientiertheit den Kürzeren ziehen"." Was die Veröffentlichungen zum Themenkomplex Ethik, Moral und Verantwortung im Journalismus angeht, scheint die Literatur den angehenden Journalisten mittlerweile eine ausgiebige Basis für die Auseinandersetzung geschaffen zu haben. 2.6.3 Ergänzung des Pressekodexes Die Auswirkung eines solchen Zusatzes relativiert sich allerdings, wenn
man noch einmal darauf hinweist, dass es sich bei der Institution Presserat
um ein freiwilliges Selbstkontrollorgan handelt. Insofern ist zwar der
Presserat berechtigt, Verstöße gegen den Kodex zu rügen,
hat allerdings keine Befugnis Sanktionen zu verhängen. Häufig
wird deshalb der Rat in der Literatur als "zahnloser Löwe"
beschrieben. Schon 1988, sieht der Geschäftsführer des Presserates
deutlich: Das Grundinteresse der Medienindustrie an der Institution Presserat ist, durch eine Freiwillige Selbstkontrolle aus den eigenen Reihen, einer staatlichen Regulierung vorzugreifen. "Eine funktionierende Ethik schützt den Journalismus vor Eingriffen
in seine Autonomie und verschafft ihm gesellschaftliche Akzeptanz. Gerade
um der Pressefreiheit willen dürfte der Journalismus Interesse daran
haben, selbst Qualitätssicherung zu betreiben." (44) |
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Ich muss feststellen, dass ich nicht bemerken konnte, dass der Journalismus - welcher Art auch immer - aus den gemachten Erfahrungen gelernt hätte. So ist die Liste der Ereignisse lang, bei denen sich Journalisten auch in jüngster Vergangenheit weit aus dem Fenster gelehnt hatten. Zwar lässt sich glücklicher Weise eine solche Prägnanz nicht mehr erkennen, da die Mischung aus Verbrechen und Opfern so nicht gegeben war. Aber man kann Vorkommnisse, wie die um den Tod der Prinzessin Diana aus berufsethischer Sicht nicht außer Acht lassen. Auch würde der Tabubruch lange nicht so weite Kreise ziehen können, da die Grenze erstmals in Gladbeck durchbrochen wurde - ich mutmaße, dass die Öffentlichkeit keine Diskussion in gleicher Weise fordern, oder ähnlichen Druck auf die Medien ausüben würde. Wie schnell waren die Bilder der Wallert Entführung auf Jolo - überstrahlt vom glimpflichen Ende - vergessen. Die Tabubrüche und Gefährdungen anderer durch den Journalismus jedoch weisen offensichtliche Parallelen auf. Auch die Statistik des Deutschen Presserates spricht eine deutliche Sprache, gingen 1988 noch 246 (45) Beschwerden ein, wurde der Rat im Jahr 2000 mehr als doppelt so oft, 534 (46) mal angerufen. Dass die kollektive Besinnungslosigkeit von einer kollektiven Behutsamkeit abgelöst worden wäre oder eine ausgewogene Bertachtung des Für und Wider umfassend in den Journalismus Einzug gehalten hätte, konnte ich nicht feststellen. Stattdessen ist die "Schreinemakerisierung" weiter fortgeschritten. Dabei wäre eigentlich die Trennung von Journalismus und Unterhaltung kein Widerspruch zur ästhetisch ansprechenden Präsentation von Nachrichten. Ich würde die staatliche Sanktionierung von Verstößen gegen den Pressekodex klar als Gefahr für die Unabhängigkeit der Presse sehen, aber es gäbe vielseitige Möglichkeiten dem Löwen zumindest die Zähne zu schärfen. Zum Beispiel könnten sich Medien freiwillig dazu verpflichten, Rügen wegen der Verstöße gegen den Kodex, ähnlich einer Gegendarstellung, zu veröffentlichen. Überlegungen indirekt wirtschaftlich zu sanktionieren, in dem ein Sender bei Regelverletzungen zur Ausstrahlung von stillen Schwarzbildern verpflichtet wird, halte ich bei einer solch starken Industrielobby für utopisch. Ich glaube es geht mittlerweile nur noch darum, die nötige Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren, aber nicht darum wieder an Glaubwürdigkeit zu gewinnen. Würde man das unter 2.3.4 erwähnte "Wrestling Phaenomen" (47) einen Schritt weiter denken, könnte mehr Glaubwürdigkeit überspitzt formuliert vielleicht sogar unglaubwürdig wirken. Dem Grundton und der differenzierten Betrachtung von Siegfried Weischenberg
nach zu urteilen, ist zu hoffen, dass er seine Pflichten als Vorsitzender
des Deutschen Presserates nicht nur ernst nimmt, sondern auch weiter zu
solch distanzierter Betrachtung der Medienlandschaft fähig bleibt. |
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4. Literaturverzeichnis Anmerkung:
(14) dpa, 18.8.1988, bas 489 vm 364 vvvvb dpa 373 |
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4. Literaturverzeichnis Anmerkung: |
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